{"id":11609,"date":"2025-02-26T10:04:24","date_gmt":"2025-02-26T09:04:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11609"},"modified":"2025-02-26T10:04:24","modified_gmt":"2025-02-26T09:04:24","slug":"musikgeschichte-vor-ort-erleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/02\/26\/musikgeschichte-vor-ort-erleben\/","title":{"rendered":"Musikgeschichte vor Ort erleben"},"content":{"rendered":"Warum lohnt es sich, die Lehrmaterialien einmal zur Seite zu legen, den Vorlesungssaal zu verlassen und Geschichte vor Ort zu erleben? F\u00fcr die Studierenden einer Musikuniversit\u00e4t, die oft unter enormem Arbeits- und \u00dcbungsdruck stehen, scheint es auf den ersten Blick kaum Raum f\u00fcr Exkursionen zu geben. Doch gerade diese k\u00f6nnen einen entscheidenden Unterschied machen: Sie erm\u00f6glichen das <i>Erleben<\/i> von Geschichte. Das Abstrakte wird greifbar, der historische Stoff lebendig. Der Besuch eines besonderen Ortes, die Begegnung mit einem seltenen Original oder das Verweilen an einer St\u00e4tte voller kultureller Geschichte pr\u00e4gt sich ein \u2013 oft ein Leben lang. Drei Beispiele zeigen, wie Exkursionen nicht nur das Lernen bereichern, sondern auch zu langfristig inspirierenden Erlebnissen f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5>Farinelli schreibt an Maria Theresia: Geschichte zum Anfassen<\/h5>\n<p>Im Seminar <i>Alcina vs. Polifemo \u2013 H\u00e4ndel vs. Porpora \u2013 London\u00a01735 vs. Wien\u00a02022<\/i>, das sich u.\u2009a. mit den federf\u00fchrenden S\u00e4nger_innen des fr\u00fchen 18.\u00a0Jahrhunderts besch\u00e4ftigte, f\u00fchrte uns eine Exkursion in die Musiksammlung der \u00d6sterreichischen Nationalbibliothek. Im Zentrum stand ein wahres Juwel der Musikgeschichte: ein Notenmanuskript des ber\u00fchmten Kastraten Farinelli aus dem Jahr\u00a01753. Es war ein Geschenk an Kaiserin Maria Theresia, in dem er seine eindrucksvollen Gesangsverzierungen dokumentierte \u2013 ein bedeutendes Zeugnis barocker Auff\u00fchrungspraxis. Obwohl das Manuskript als Digitalisat zug\u00e4nglich ist, wurde seine Pracht erst im direkten Kontakt wirklich fassbar \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes. Die Studierenden konnten die wertvolle Handschrift selbst in Augenschein nehmen, das Gewicht des Papiers sp\u00fcren, die kunstvolle Kalligrafie bewundern. F\u00fcr viele war es der erste Kontakt mit einem so bedeutenden Originaldokument: Pl\u00f6tzlich war Farinelli mehr als ein Name aus dem Seminar \u2013 er wurde zur lebendigen Figur einer Musik- und Kulturgeschichte, die mit unserer Gegenwart verbunden ist. Unsere Stadt bietet reichlich M\u00f6glichkeiten f\u00fcr derartige Exkursionen im Bereich Musikgeschichte \u2013 und als Lehrveranstaltungsgruppe der mdw ist man in vielen Institutionen gern gesehener Gast. Diese Offenheit bietet Studierenden eine wertvolle Chance, denn sie erleben, wie leicht kulturelle Sch\u00e4tze zug\u00e4nglich sein k\u00f6nnen, wenn man mit Interesse an die richtigen T\u00fcren klopft.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11613\" aria-describedby=\"caption-attachment-11613\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11613\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.1-rgb-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.1-rgb-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.1-rgb-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.1-rgb-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.1-rgb-1-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.1-rgb-1-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.1-rgb-1-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11613\" class=\"wp-caption-text\">Exkursion in die Musiksammlung der \u00d6sterreichischen Nationalbibliothek im Seminar Alcina vs. Polifemo H\u00e4ndel vs. Porpora London 1735 vs. Wien 2022 \u00a9 privat<\/figcaption><\/figure>\n<h5>Vanitas trifft YOLO: Verg\u00e4nglichkeit in der Musikgeschichte und am Zentralfriedhof<\/h5>\n<p>Im Seminar <i>Von Vanitas zu YOLO. Musik und Verg\u00e4nglichkeit<\/i>, das ich gemeinsam mit meinem Kollegen Jakob Maria Schermann leitete, erkundeten wir musikalische Perspektiven auf Verg\u00e4nglichkeit. Ein thematisch passender Ausflug f\u00fchrte uns auf den Wiener Zentralfriedhof \u2013 ein Ort voller Geschichte, Symbolik und Erinnerungen.<\/p>\n<p>Der Friedhof bietet mehr als die (Ehren-)Grabst\u00e4tten ber\u00fchmter Komponisten wie Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms oder Arnold Sch\u00f6nberg \u2013 er ist selbst ein kulturelles Monument, das Verg\u00e4nglichkeit und Erinnerung k\u00fcnstlerisch thematisiert. Im (sehr zu empfehlenden!) Bestattungsmuseum erfuhren wir, wie sich die Trauerkultur im Laufe der Jahrhunderte wandelte. Bei den Gr\u00e4bern analysierten wir, wie musikalische Motive und Symbolik in deren Gestaltung einflossen \u2013 etwa Lyren, musizierende Engelsfiguren oder Inschriften, die die Verbindung von Musik und Verg\u00e4nglichkeit k\u00fcnstlerisch deutlich machen.<\/p>\n<p>Ob im Barock, in der Neuen Musik oder in der Popkultur \u2013 Verg\u00e4nglichkeit bleibt ein wiederkehrendes Thema k\u00fcnstlerischen Ausdrucks. Der Friedhofsausflug machte diese Verbindung nicht nur sichtbar, sondern f\u00f6rderte einen emotionalen Zugang, der die intellektuelle Auseinandersetzung bereicherte.<\/p>\n<h5>Alte Musik im Wiener Konzerthaus: \u201ehistorische\u201c Auff\u00fchrungspraxis damals und heute<\/h5>\n<p>Im Rahmen der Vorlesung zur Musikgeschichte des 17. und 18.\u00a0Jahrhunderts besuchten wir zu Beginn des Wintersemesters\u00a02024 das Wiener Konzerthaus. Eingeladen waren wir vom Leiter des dortigen Archivs, Erwin Barta, um ein besonderes Jubil\u00e4um in der Musik- und Interpretationsgeschichte zu besprechen, n\u00e4mlich die Auff\u00fchrung von Claudio Monteverdis <i>L\u2019Orfeo<\/i> durch Paul Hindemith \u2013 die vor genau siebzig Jahren stattfand. Dieses Ereignis markierte einen bedeutsamen Moment f\u00fcr die Alte-Musik-Bewegung in \u00d6sterreich. Josef Mertin, Mitte des 20.\u00a0Jahrhunderts eine pr\u00e4gende Figur der historischen Auff\u00fchrungspraxis in Wien, hatte f\u00fcr diese Auff\u00fchrung eigens eine Orgel gebaut, die heute noch an der mdw steht. In Hindemiths Orchester wirkte Nikolaus Harnoncourt mit \u2013 f\u00fcr diesen war es ein Schl\u00fcsselmoment und wesentlicher Beitrag zur sp\u00e4teren Gr\u00fcndung des Concentus Musicus. Vor Ort wurde die Bedeutung des Konzerthauses als Institution greifbar, die seit \u00fcber einem Jahrhundert Teil des Wiener Kulturlebens ist. Unsere Diskussion drehte sich nicht nur um historische Instrumente und Repertoires, sondern auch um die Frage, wie Institutionen kulturelle Kontinuit\u00e4t schaffen und pr\u00e4gen. Die Studierenden konnten hier die Gelegenheit nutzen, historische Zusammenh\u00e4nge mit ihrer eigenen k\u00fcnstlerischen Praxis in Verbindung zu setzen \u2013 letztendlich auch, um ihren eigenen Platz innerhalb einer langen Tradition zu erkennen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11612\" aria-describedby=\"caption-attachment-11612\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11612\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.3-rgb-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.3-rgb-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.3-rgb-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.3-rgb-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.3-rgb-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.3-rgb-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/abb.3-rgb-850x567.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11612\" class=\"wp-caption-text\">Exkursion ins Wiener Konzerthaus im Konversatorium Musikgeschichte 02 (17.\/18. Jhdt.) \u00a9 Alexander Flor<\/figcaption><\/figure>\n<h5>Warum Exkursionen mehr sind als nur \u201eAusfl\u00fcge\u201c<\/h5>\n<p>Exkursionen schaffen nicht nur Erlebnisse, sondern erweitern den Horizont wacher Geister: Studierende lernen Institutionen kennen, die f\u00fcr ihr zuk\u00fcnftiges Schaffen relevant sein k\u00f6nnen. Und noch viel wichtiger: Solche Erlebnisse vermitteln die historische Perspektive des eigenen Tuns. Studierende verstehen sich nicht mehr nur als Interpretierende oder Kunstschaffende, sondern als Teil einer historisch gewachsenen kulturellen Praxis. Dieses Bewusstsein st\u00e4rkt nicht nur die Bedeutung des \u201eNebenfachs\u201c Musikgeschichte, sondern auch die pers\u00f6nliche und k\u00fcnstlerische Entwicklung. Und letztlich macht es die Vergangenheit zu einem lebendigen, relevanten Teil der Gegenwart.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum lohnt es sich, die Lehrmaterialien einmal zur Seite zu legen, den Vorlesungssaal zu verlassen und Geschichte vor Ort zu erleben? F\u00fcr die Studierenden einer Musikuniversit\u00e4t, die oft unter enormem Arbeits- und \u00dcbungsdruck stehen, scheint es auf den ersten Blick kaum Raum f\u00fcr Exkursionen zu geben. 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