{"id":11577,"date":"2025-02-27T11:08:46","date_gmt":"2025-02-27T10:08:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11577"},"modified":"2025-02-27T11:08:46","modified_gmt":"2025-02-27T10:08:46","slug":"der-groesste-musikalische-diplomat-antonio-salieri-in-neuer-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/02\/27\/der-groesste-musikalische-diplomat-antonio-salieri-in-neuer-sicht\/","title":{"rendered":"Der \u201egr\u00f6\u00dfte musikalische Diplomat\u201c Antonio Salieri in neuer Sicht"},"content":{"rendered":"Wann immer man \u00fcber den Komponisten Antonio Salieri spricht oder schreibt, steht sogleich ein Elefant im Raum \u2013 das unausrottbare Ger\u00fccht, er sei der M\u00f6rder Wolfgang Amadeus Mozarts gewesen, der neidische und minderbegabte Nebenbuhler, der das Genie mit Gift aus dem Weg r\u00e4umt. Alles Widerlegen hat hier nichts geholfen, weder durch die Musikwissenschaft noch durch Salieri selbst, der sich bereits zu Lebzeiten mit dieser Legende konfrontiert sah. Was also tun? Wie l\u00e4sst sich Salieri 200 Jahre nach seinem Tod aus der Dauerschleife von Fiktion und Fehlvorstellungen befreien? Drei Wege, die sich uns besonders im Jubil\u00e4umsjahr 2025 \u00f6ffnen, seien hier kurz skizziert.<\/p>\n<h5>Geschichte(n) verstehen<\/h5>\n<p>Einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr das hartn\u00e4ckige Verkennen Salieris liegt in der Idealisierung Wolfgang Amad\u00e9 Mozarts durch dessen fr\u00fche Biografen. Die am Geniegedanken orientierten Erz\u00e4hlungen vom \u00fcberragenden K\u00f6nnen, vom rastlosen Leben und vom schockierend fr\u00fchen Tod ihres Helden boten keinen Platz f\u00fcr gleichrangige Figuren: Ein Genie hat keine Kollegen, sondern Bewunderer oder Neider und Feinde. Gleichrangig aber waren sie in den Augen der Zeitgenoss_innen, denen Mozart vielleicht als der Vielseitigere, Salieri aber als der Arriviertere erscheinen musste. Der mit 15 Jahren von Venedig nach Wien \u00fcbersiedelte und in der Obhut seines Mentors Florian Leopold Gassmann ausgebildete Salieri stand in engstem Kontakt zu Kaiser Joseph II., feierte bald als Opernkomponist gl\u00e4nzende internationale Erfolge, wurde in Wien zum Direktor der italienischen Oper und 1788 schlie\u00dflich zum Hofkapellmeister ernannt. Damit war er an die Spitze der musikalischen Hierarchie ger\u00fcckt, musste nun aber vor allem f\u00fcr die kaiserliche Kirchenmusik sorgen und au\u00dferdem zahlreiche administrative Aufgaben \u00fcbernehmen. Daneben wirkte er als gefragter Gesangs- und Kompositionslehrer. Salieri war respektiert, seine Position gesichert: Er hatte Mozart nicht als Konkurrenten zu f\u00fcrchten, sondern, im Gegenteil, kollaborierte gelegentlich mit ihm. Eine erst k\u00fcrzlich wiederentdeckte kleine Kantate <i>Per la ricuperata salute di Ofelia<\/i>, mit der die Genesung der S\u00e4ngerin Nancy Storace gefeiert wurde, entstand als Gemeinschaftswerk von Salieri, Mozart und einem nicht n\u00e4her bekannten Herrn Cornetti auf einen Text von Lorenzo da Ponte.<\/p>\n<h5>Neue Geschichten erz\u00e4hlen<\/h5>\n<p>Mozart und Salieri, die sich zusammentun, um ein St\u00fcck f\u00fcr eine von ihnen gesch\u00e4tzte S\u00e4ngerin zu schreiben \u2013 das ist eine neue Geschichte, die zugleich treffender als die Genieerz\u00e4hlungen des 19. Jahrhunderts von der musikalischen Realit\u00e4t im Wien der 1780er-Jahre berichtet. Eine andere, ebenso \u00fcberraschende, bieten uns die Erinnerungen von Anselm H\u00fcttenbrenner, der wie sein Freund Franz Schubert Kompositionssch\u00fcler Salieris war. Ihm erscheint sein Lehrer r\u00fcckblickend als \u201eder gr\u00f6\u00dfte musikalische Diplomat; er war der Talleyrand der Musik.\u201c<span id='easy-footnote-1-11577' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2025\/02\/27\/der-groesste-musikalische-diplomat-antonio-salieri-in-neuer-sicht\/#easy-footnote-bottom-1-11577' title='&lt;i&gt;Anselm Hu\u0308ttenbrenners Erinnerungen an Franz Schubert&lt;\/i&gt;, hg. von Otto Erich Deutsch, in: &lt;i&gt;Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft 16&lt;\/i&gt; (1906), S. 99\u2013163, hier S. 142.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> Auch hier \u00f6ffnet sich ein neuer Blick auf vergangene Lebensrealit\u00e4t: H\u00fcttenbrenner lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Salieris administrative und organisatorische Qualit\u00e4ten, die vermutlich oft f\u00fcr den Ausgleich von Interessen und das Moderieren von Konflikten ben\u00f6tigt wurden \u2013 nicht nur im Theater, sondern auch in der Hofkapelle und im Rahmen seines gesellschaftlichen Engagements. Ihm ist schlie\u00dflich auch die Gr\u00fcndung einer Singschule der Gesellschaft der Musikfreunde (1817) zu verdanken, aus der das sp\u00e4tere Konservatorium und die heutige mdw hervorgehen sollten.<\/p>\n<p>Diplomat_innen sind Fachleute f\u00fcr Vermittlung, f\u00fcr das Verbinden auseinanderstrebender oder disparater Elemente. Der \u201emusikalische Diplomat\u201c Antonio Salieri hat als Lehrer Gr\u00f6\u00dfen des 19. Jahrhunderts wie Franz Schubert, Ludwig van Beethoven und Franz Liszt ausgebildet; er selbst blieb als Komponist jedoch dem 18. Jahrhundert, der Opern\u00e4sthetik Christoph Willibald Glucks und der Kirchenmusik seines Lehrers Florian Leopold Gassmann, verpflichtet. Er vermittelt so \u00fcber die Epochenschwelle hinweg Ideen, Techniken und Positionen, die in ihrem neuen Rahmen eine noch gar nicht absehbare Wirkung entfalten werden.<\/p>\n<h5>H\u00f6ren, Spielen, Inszenieren<\/h5>\n<figure id=\"attachment_11582\" aria-describedby=\"caption-attachment-11582\" style=\"width: 195px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com\/themen-entdecken\/literatur-sprach-und-kulturwissenschaften\/musikwissenschaft\/59528\/antonio-salieri\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-11582 size-medium\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/978-3-205-22211-8-b-oeggemann-gu-neu-rgb-195x300.jpg\" alt=\"\" width=\"195\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/978-3-205-22211-8-b-oeggemann-gu-neu-rgb-195x300.jpg 195w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/978-3-205-22211-8-b-oeggemann-gu-neu-rgb-664x1024.jpg 664w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/978-3-205-22211-8-b-oeggemann-gu-neu-rgb-768x1184.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/978-3-205-22211-8-b-oeggemann-gu-neu-rgb-996x1536.jpg 996w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/978-3-205-22211-8-b-oeggemann-gu-neu-rgb-850x1310.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2025\/02\/978-3-205-22211-8-b-oeggemann-gu-neu-rgb.jpg 1250w\" sizes=\"auto, (max-width: 195px) 100vw, 195px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-11582\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 B\u00f6hlau Verlag Wien<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der dritte Weg ist der f\u00fcr eine Musikuniversit\u00e4t naheliegendste: Die Auff\u00fchrung von Werken Salieris. Das Jubil\u00e4umsjahr b\u00f6te dazu die beste Gelegenheit: Von seinen Opern zum Beispiel die hinrei\u00dfend komische <i>La grotta di Trofonio<\/i>, auf ein Libretto von Giovanni Battista Casti, die mehr als nur die Personenkonstellation mit Mozarts <i>Cos\u00ec fan tutte<\/i> teilt; von seiner Kirchenmusik das (f\u00fcr ihn selbst komponierte) <i>Requiem<\/i> und aus seinem schmalen instrumentalen \u0152uvre die orchestral gl\u00e4nzenden <i>26 Variationen \u00fcber \u201eLa Follia di Spagna\u201c.<\/i> All das und noch mehr aus Salieris Feder verdiente unbedingt, wiederaufgef\u00fchrt, inszeniert, geh\u00f6rt und gesehen zu werden.<\/p>\n<p>Markus B\u00f6ggemanns neues Buch zu Salieri wird am 30. April 2025 in der Hofmusikkapelle vorgestellt. <a href=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/veranstaltung\/?v=38783&amp;g=29615\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur Veranstaltung<\/a>.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wann immer man \u00fcber den Komponisten Antonio Salieri spricht oder schreibt, steht sogleich ein Elefant im Raum \u2013 das unausrottbare Ger\u00fccht, er sei der M\u00f6rder Wolfgang Amadeus Mozarts gewesen, der neidische und minderbegabte Nebenbuhler, der das Genie mit Gift aus dem Weg r\u00e4umt. Alles Widerlegen hat hier nichts geholfen, weder durch die Musikwissenschaft noch durch Salieri selbst, der sich bereits zu Lebzeiten mit dieser Legende konfrontiert sah. 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