{"id":1141,"date":"2017-09-29T14:11:34","date_gmt":"2017-09-29T12:11:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=1141"},"modified":"2017-09-29T14:11:34","modified_gmt":"2017-09-29T12:11:34","slug":"frauen-an-der-mdw-1938-1945","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2017\/09\/29\/frauen-an-der-mdw-1938-1945\/","title":{"rendered":"frauen* an der mdw 1938 \u2013 1945"},"content":{"rendered":"<strong>vertreibung, verfolgung, kontinuit\u00e4ten und neuzug\u00e4nge<\/strong><\/p>\n<p>Ein Jubil\u00e4umsjahr darf nicht vergehen, ohne auch auf diejenigen Jahre der eigenen Vergangenheit zu sprechen zu kommen, \u00fcber die eine Institution vielleicht lieber hinwegsehen w\u00fcrde, weisen sie doch auf die Fragilit\u00e4t von Bekenntnissen zu Werten hin, derer sich eine (Aus-)Bildungsanstalt r\u00fchmt \u2013 n\u00e4mlich Menschen darin zu unterst\u00fctzen, ihr h\u00f6chstes Potenzial auszusch\u00f6pfen, Traditionen weiterleben zu lassen und neue, zukunftsweisende Ma\u00dfst\u00e4be zu setzen. Verfolgung und Vertreibung von Lehrenden und Studierenden sprechen hier eine andere Sprache. Menschen wurden im Nationalsozialismus als \u201eanders\u201c markiert und verloren damit nichts Geringeres als ihre Daseinsberechtigung. Diesem Prozess, zu dem an der\u00a0mdw bereits vielfach geforscht wurde, wird nun im Rahmen von <em>spiel|mach|t|raum \u2013 frauen* an der mdw 1817\u20132017<\/em> dezidiert in Bezug auf Frauen* nachgegangen, ohne dabei die M\u00e4nner zu ignorieren, die der vernichtenden Abwertung von Menschen aufgrund von, wie wir es heute formulieren, konstruierten und ihnen zugeschriebenen Merkmalen ebenso zum Opfer fielen. Es soll auch beleuchtet werden, wer verbleiben konnte, wer in dieser Zeit neu aufgenommen wurde und wie sich das auf Ebene der Studierenden widerspiegelte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1144\" aria-describedby=\"caption-attachment-1144\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1144\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Ichheiser_Matrikelblatt.jpg\" alt=\"Ichheiser Matrikelblatt\" width=\"400\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Ichheiser_Matrikelblatt.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Ichheiser_Matrikelblatt-226x300.jpg 226w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1144\" class=\"wp-caption-text\">Felicitas Icheiser war Studentin der Opernschule, wurde 1938 von der Staatsakademie verwiesen und 1942 deportiert.\u00a0<br \/>Quelle: mdw-Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die \u201eS\u00e4uberung des Kunsttempels\u201c von \u201ej\u00fcdischem Einflu\u00df\u201c, wie die Formulierung im <em>V\u00f6lkischen Beobachter<\/em> am 16. M\u00e4rz 1938 lautete, ging an der Staatsakademie, der Vorg\u00e4nger-Institution der mdw, rasch vor sich. Alle bestehenden Vertr\u00e4ge waren mit 30. Mai 1938 gek\u00fcndigt worden, denn eine Nicht-Erneuerung von Vertr\u00e4gen erforderte keine K\u00fcndigung politisch untragbarer BeamtInnen mehr, wie sie die \u201eNeuordnung des \u00f6sterreichischen Berufsbeamtentums\u201c vorsah, die am 31. Mai 1938 in Kraft trat. Lynne Heller spricht von 26 Prozent der Lehrkr\u00e4fte, die aus sogenannten \u201erassischen Gr\u00fcnden\u201c entlassen wurden (Heller 1992). Werden auch politische und andere Gr\u00fcnde hinzugez\u00e4hlt, waren es sogar 50 Prozent (die Geschichte der mdw: <a href=\"http:\/\/www.mdw.ac.at\/geschichte\" target=\"_blank\">www.mdw.ac.at\/geschichte<\/a>).<\/p>\n<p>Eine der bekanntesten Betroffenen der Verfolgung durch das NS-Regime war die T\u00e4nzerin, Choreografin, Tanzlehrerin und Pionierin des Ausdruckstanzes Gertrud Bodenwieser-Rosenthal, die im Jahr 1920 an die Akademie gekommen war. Ihr vom Ballett ausgehender neuer Tanzstil war damals auf gro\u00dfe Begeisterung gesto\u00dfen. Sie konnte sich 1938 mit einigen ihrer Sch\u00fclerinnen vor dem NS-Regime zun\u00e4chst nach Kolumbien, sp\u00e4ter nach Australien retten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1319\" aria-describedby=\"caption-attachment-1319\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1319\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bodenwieser_Ausschnitt_mdw-Archiv.jpg\" alt=\"Bodenwieser Erklaerung\" width=\"1000\" height=\"741\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bodenwieser_Ausschnitt_mdw-Archiv.jpg 1000w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bodenwieser_Ausschnitt_mdw-Archiv-300x222.jpg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bodenwieser_Ausschnitt_mdw-Archiv-768x569.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Bodenwieser_Ausschnitt_mdw-Archiv-850x630.jpg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1319\" class=\"wp-caption-text\">Gertrud Bodenwieser unterrichtete Tanz von 1924 \u2013 1938 an der Akademie. Hier in Faksimile ihre \u201efreiwillige\u201c R\u00fccktrittserkl\u00e4rung vom 29. M\u00e4rz 1938. Quelle: mdw-Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eine weitere Betroffene war Erna Kremer. Die Pianistin, die selbst Absolventin der Staatsakademie war, unterrichtete seit dem Jahr 1934 am Haus. Sie wurde 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinec ermordet.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1145\" aria-describedby=\"caption-attachment-1145\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1145\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Erna_Kremer.jpg\" alt=\"Erna Kremer\" width=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Erna_Kremer.jpg 600w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/Erna_Kremer-262x300.jpg 262w\" sizes=\"(max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1145\" class=\"wp-caption-text\">Erna Kremer unterrichtete Klavier an der Staatsakademie von 1934 bis 1938, wurde 1938 nicht verl\u00e4ngert, \u00fcberlebte die Shoa nicht.\u00a0<br \/>Quelle: Kunstnachrichten. Information des Arts. Organ f\u00fcr Musik, Theater, Literatur, Kunst und Wissen, Sondernummer: Festausgabe der Staatsakademie f\u00fcr Musik und darstellende Kunst zum Internationalen Musikwettbewerb 1937, redigiert von Ing. Karl Oeschler, [Wien 1937], 34, mdw-Archiv<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Verfolgungen des NS-Regimes von durch die N\u00fcrnberger Gesetze als j\u00fcdisch definierten Menschen und\/oder politisch Andersdenkenden betraf auch viele Studierende (Posch\/Ingrisch\/Dressl 2008). Von den Zahlen her wurde dies im Wintersemester 1938\/39 deutlich sichtbar, da es damals im Gegensatz zu 531 inskribierten Studentinnen im Jahr zuvor, nur mehr 326 waren, nicht einmal zwei Drittel davon. Bei den Studenten ist ein R\u00fcckgang von 479 auf 379 Personen zu verzeichnen. Bemerkenswert also, dass mehr Frauen als M\u00e4nner betroffen waren. Die Namen der vertriebenen Studierenden werden im Rahmen eines neuen Beitrags auf der Website <em>spiel|mach|t|raum<\/em> genannt, ihre weiteren Werdeg\u00e4nge verlaufen jedoch vielfach im Dunkeln. Zwei Studentinnen und zwei Studenten, so der derzeitige Wissensstand, \u00fcberlebten die Schoah nicht.<\/p>\n<p>Das Jahr 1938 ist jedoch ebenso eine Zeit der Neuzug\u00e4nge an die Akademie f\u00fcr Musik und darstellende Kunst, zu denen auch eine nicht geringe Zahl an Frauen z\u00e4hlte, vor\u00a0allem im Bereich des Tanzes. Auch hier einige Beispiele: Tonia Wojtek-Goedecke, die u. a. als Sachberaterin der Reichstheaterkammer fungierte, war 1938 die Wunschkandidatin f\u00fcr die Leitung der Abteilung Tanz von Franz Sch\u00fctz, dem Rektor der Staatsakademie. Im Jahr 1945 wurde sie vom Dienst enthoben und 1946 gek\u00fcndigt. Zudem gab es im Bereich Gesang, Klavier und Korrepetition eine Reihe von Frauen, denen sich in dieser Zeit Chancen boten. Dies war vor allem im Bereich der Musikp\u00e4dagogik (Schmidt 1986) der Fall. Die Gitarristin Luise Walker, verheiratete Heysek, war mit ihrem Instrument die erste lehrende Frau in den Fachbereichen Musikp\u00e4dagogik und Streich- bzw. Saiteninstrumente. Sie wurde im Jahr 1940 an die Akademie berufen und verblieb ungebrochen \u00fcber das Jahr 1945 bis zu ihrer Emeritierung 1980.<\/p>\n<p>Erinnern kann sehr herausfordernd sein. Denn letztlich bleibt immer die Frage nach unserer Verantwortung f\u00fcr die Gegenwart. Die Frage nach den Ma\u00dfst\u00e4ben, nach denen wir denken und handeln \u2013 in der Kunst, der Wissenschaft, der P\u00e4dagogik, im Gestalten der Institution.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der Website <em>spiel|mach|t|raum \u2013 frauen* an der mdw 1817\u20132017<\/em>\u00a0finden Sie ab 10. Oktober 2017 einen ausf\u00fchrlichen Beitrag zu der Thematik:<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/www.mdw.ac.at\/spielmachtraum\" target=\"_blank\">www.mdw.ac.at\/spielmachtraum<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><em>Lynne Heller, Die Reichshochschule f\u00fcr Musik in Wien 1938\u20131945, Dissertation Universit\u00e4t\u00a0<\/em><em>Wien 1992<\/em><\/li>\n<li><em>Herbert Posch, Doris Ingrisch, Gert Dressel, \u201eAnschlu\u00df\u201c und Ausschluss 1938. Vertriebene\u00a0<\/em><em>und verbliebene Studierende der Universit\u00e4t Wien (Emigration \u2013 Exil \u2013 Kontinuit\u00e4t.\u00a0<\/em><em>Schriften zur Wissenschaftsgeschichte 8), M\u00fcnster\/Wien 2008<\/em><\/li>\n<li><em>Hans-Christian Schmidt, Handbuch der Musikp\u00e4dagogik, 4 Bde., Kassel 1986<\/em><\/li>\n<\/ul>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>vertreibung, verfolgung, kontinuit\u00e4ten und neuzug\u00e4nge Ein Jubil\u00e4umsjahr darf nicht vergehen, ohne auch auf diejenigen Jahre der eigenen Vergangenheit zu sprechen zu kommen, \u00fcber die eine Institution vielleicht lieber hinwegsehen w\u00fcrde, weisen sie doch auf die Fragilit\u00e4t von Bekenntnissen zu Werten hin, derer sich eine (Aus-)Bildungsanstalt r\u00fchmt \u2013 n\u00e4mlich Menschen darin zu unterst\u00fctzen, ihr h\u00f6chstes Potenzial &hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":36,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[10],"tags":[229,180,54,181],"class_list":["post-1141","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-research","tag-2017-3","tag-frauen","tag-gender","tag-women"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1141","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/36"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1141"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1141\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1321,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1141\/revisions\/1321"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1141"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1141"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1141"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}