{"id":11341,"date":"2024-11-27T11:42:18","date_gmt":"2024-11-27T10:42:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11341"},"modified":"2024-11-27T11:42:18","modified_gmt":"2024-11-27T10:42:18","slug":"les-funambules-du-son-direct","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/les-funambules-du-son-direct\/","title":{"rendered":"Les funambules du son direct"},"content":{"rendered":"In einer Filmbranche, die sich von Krise zu Krise zu retten vermag, und deren Magie systematisch und schichtweise abgetragen wird, hat der Originalton eine immer schwindendere Rolle zu spielen. Denn der Originalton hat sich vom Filmemachen abgespalten und ist ein seltsames Beipackprodukt der Filmindustrie geworden. Seine rhetorische Wertsch\u00e4tzung dient lediglich dazu, die Tonleute zu motivieren, \u00fcberhaupt mitzumachen. Wer hat schon Lust, ein notwendiges \u00dcbel zu sein? Die Tonmeister_innen, die meistens aus dem Nebenraum mitwirken d\u00fcrfen, sind zu Tonspurenverwalter_innen degradiert worden. Sie leben schizophren im Vorraum der Postproduktion, der sie zugeordnet sind, und haben den Bezug zum Drehort nicht nur r\u00e4umlich, sondern auch energetisch verloren. Mit der Entfaltung der KI hat dieser Prozess an Geschwindigkeit gewonnen. Der Tonmensch wird \u00fcberfl\u00fcssig \u2026 Es reicht schon ein Mikrofon auf der Kamera, oder das Anbringen eines K\u00e4stchens, das den Klang direkt an der Quelle einf\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck ist in dieser Dystopie die erl\u00f6sende Utopie angelegt. Eine Kontrapunkt-Welt, die es neu zu erfinden gilt &#8230; Denn es werden R\u00e4ume frei, neue Bewegungen entstehen, die eine vom Originalton getriebene Gestaltung hervorrufen, wo die Tonmenschen wieder in das Geschehen eingeladen werden. Und zwar mitten ins Set.<\/p>\n<p>Diese neue Welt, ist die der \u201efunambules du son direct\u201c, der Seilt\u00e4nzer_innen des Filmtons.<\/p>\n<p>Ein Schritt zur\u00fcck. Worum geht es eigentlich beim O-Ton?<\/p>\n<p>Per se ist der O-Ton eines Filmes, \u201eder Ton\u201c, der an Ort und Stelle \u2013 manchmal unwiederholbar \u2013 meist authentisch eingefangen wird. Und dies ist eine \u2013 \u00fcberraschenderweise \u2013 hochkomplexe Angelegenheit. Es geht hier nicht nur darum, welche Tools verwendet werden, welche Kl\u00e4nge erzeugt und ben\u00f6tigt werden, in welcher Akustik diese entstehen sollen, welcher (noch zu schreibende) audiovisuellen Partitur diese dient oder steuert, und letztendlich welche Geschichte audiovisuell \u00fcberhaupt erz\u00e4hlt werden soll \u2026 Es geht um all das, zusammen und gleichzeitig. Auf jeder dieser Ebenen geht es um Qualit\u00e4ten, die Entscheidungen und Bewusstsein ben\u00f6tigen \u2013 von Tonmenschen.<\/p>\n<p>Auch wenn ihre Arme in der Luft h\u00e4ngen, sind sie keine Luftmenschen, denn zentriert und geerdet haben sie ihre F\u00fc\u00dfe auf dem Boden. Aber dieser ist f\u00fcr sie sehr filigran; jede Ebene, in der sie sich bewegen, ist es, und diese Ebenen sind vielf\u00e4ltig und ineinander verflochten. Somit bewegen sich diese Seilt\u00e4nzer_innen in einem Multiversum, in dem sie nur sein k\u00f6nnen (und d\u00fcrfen), wenn sie Achtsamkeit und Geschicklichkeit meisterhaft beherrschen.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das de facto?<\/p>\n<p>Diese Tonmenschen beherrschen das Schwingen eines microfonierten Booms. Den Bewegungen und Emotionen der Darsteller_innen und der Geschichte folgend, nehmen sie die Kl\u00e4nge auf; die sie wie \u201etime-space sculptors\u201c (Bildhauer ist hier einfach das unpassende Wort) in Raum- und Zeitqualit\u00e4ten gestalten. Dabei wird auf die wechselnden Perspektiven der Kamera(s), die wechselnde, oft ferngesteuerte, Lichtgestaltung im Rahmen der r\u00e4umlichen Gegebenheiten geachtet. Wie bei einem Parcours oder H\u00fcrdenlauf auf mehreren Ebenen.<\/p>\n<p>Mit der Feinf\u00fchligkeit von Hellsehenden, Hellh\u00f6renden und Hellf\u00fchlenden, sehen sie voraus, welche Schwankungen in den Energiefeldern des Geschehens entstehen; welche unerwarteten S\u00e4tze jetzt doch noch kommen, welche neuen Blickrichtungen, die sie nicht kreuzen d\u00fcrfen, entstehen werden.<\/p>\n<p>Resilienz, Flexibilit\u00e4t und Kreativit\u00e4t entstehen durch psychophysiologische Koh\u00e4renz. Sie werden in Workshops bei der Filmakademie erkundet von Menschen, die auf allen Ebenen des Filmemachens geschult werden. Vom Drehbuchschreiben bis zur Montage.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer Filmbranche, die sich von Krise zu Krise zu retten vermag, und deren Magie systematisch und schichtweise abgetragen wird, hat der Originalton eine immer schwindendere Rolle zu spielen. 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