{"id":11278,"date":"2024-11-27T11:37:48","date_gmt":"2024-11-27T10:37:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11278"},"modified":"2024-11-27T11:37:48","modified_gmt":"2024-11-27T10:37:48","slug":"demokratie-und-drama-eine-frage-der-entscheidung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/demokratie-und-drama-eine-frage-der-entscheidung\/","title":{"rendered":"Demokratie und Drama \u2013 eine Frage der Entscheidung"},"content":{"rendered":"<h1>Eine Keynote zum Semesterbeginn<\/h1>\n<p>Es ist fast trivial zu sagen, dass die Demokratie in einer Krise steckt \u2013 das tut sie im Grunde genommen st\u00e4ndig, sie ist von Natur aus ein fragiles Projekt. Doch gegenw\u00e4rtig ist dieses Thema besonders relevant. Eine Demokratie, die ohne Gewaltverh\u00e4ltnisse auskommen will, muss Vielfalt, Pluralit\u00e4t und Solidarit\u00e4t f\u00f6rdern. Das sei vorangestellt \u2013 denn ich m\u00f6chte den Zusammenhang von Demokratie und Film eine Ebene tiefer beleuchten:<\/p>\n<p>Der narrative Spielfilm ist eine auf Figurenhandlung basierende Kunstform und beruht auf den dramaturgischen Bedingungen der Dramatik. In der Darstellung von Figuren spielen dabei zwei Aspekte eine zentrale Rolle: das <i>Erkennen<\/i> und das <i>Entscheiden<\/i>. Diese Elemente bilden das Herzst\u00fcck der Figurenentwicklung, denn eine Figur erkennt \u2013 meistens nach der H\u00e4lfte bis zwei Dritteln der Filmlaufzeit \u2013 etwas Wesentliches, das sie dazu veranlasst, ihre Handlung neu auszurichten. Diese Handlungsumkehr f\u00fchrt dann zu jenen Konsequenzen, die am Ende des Films stehen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte dies anhand von zwei konkreten Beispielen veranschaulichen: In dem Filmklassiker <i>The Day of the Jackal <\/i>(1973), eine Adaption unter der Regie von Fred Zinnemann, wird von einem Auftragsm\u00f6rder erz\u00e4hlt, der entsendet wurde, den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Charles de Gaulle zu ermorden. Die Filmwissenschaftlerin Kerstin Stutterheim hat in ihrer Analyse des Films auf den zentralen Moment von Erkenntnis und Entscheidung hingewiesen: Wir sehen den Auftragsm\u00f6rder zun\u00e4chst am Telefon, wie er erf\u00e4hrt, dass seine wahre Identit\u00e4t aufgedeckt wurde. Nun muss er sich entscheiden, ob er seinen Auftrag weiter ausf\u00fchrt oder nicht. Anschlie\u00dfend sehen wir den Moment seiner Entscheidung: Bricht er den Auftrag ab und f\u00e4hrt ins sichere Italien oder f\u00e4hrt er weiter nach Paris? Nat\u00fcrlich f\u00e4hrt er nach Paris \u2013 denn sonst w\u00e4re der Film vorbei.<\/p>\n<p>Im Film <i>Aftersun<\/i> (2022) von Charlotte Wells erleben wir diesen entscheidenden Moment im Leben der jungen Protagonistin Sophie. Sie hatte erwartet, gemeinsam mit ihrem Vater auf die B\u00fchne zu gehen, um Karaoke zu singen. Doch sie muss erkennen, dass ihr Vater mit defensiv verschr\u00e4nkten Armen sitzen geblieben ist und sie nun alleine auf der B\u00fchne steht. Der Text \u201eI thought that I heard you sing\u201c versinnbildlicht ihr inneres Empfinden und ihre Entt\u00e4uschung. Daraufhin trifft sie eine Entscheidung und teilt ihm mit, dass sie nicht gemeinsam mit ihm zur\u00fcck in die Unterkunft gehen wird \u2013 sie wird den Abend mit anderen Jugendlichen verbringen. In diesem Moment kristallisiert sich ihr Erwachsenwerden.<\/p>\n<p>Diese Momente \u2013 die schon von Aristoteles in der <i>Poetik<\/i> als Anagnorisis und Peripetie beschrieben wurden\u00a0\u2013 sind integraler Bestandteil der Dramatik und stehen in engem Zusammenhang mit der Demokratie. Anders gesagt: Die Demokratie hat, \u00fcber den Umweg der antiken Trag\u00f6die, das Drama erschaffen. Dazu muss man wissen, dass jede Gesellschaftsform ihre eigene dramaturgische Form hervorgebracht hat: Einige Gesellschaften produzieren vor allem M\u00e4rchen, andere Musicals, wieder andere bringen endlos viele Krimis hervor. In Hollywood wiederum dominieren Heldenreisen \u2013 in deren Struktur im \u00dcbrigen eine recht hierarchische Weltordnung zum Tragen kommt.<\/p>\n<p>Dass die Trag\u00f6die zeitgleich mit der Demokratie entstanden ist, ist kein Zufall. Wie u.\u2009a. der Theaterwissenschaftler Joachim Fiebach herausgearbeitet hat, entstand sie im Kontext der athenischen Demokratie und deren neuen Anforderungen an die B\u00fcrger als Entscheidende und Handelnde (damals galt dies nur f\u00fcr M\u00e4nner, nicht f\u00fcr Frauen und versklavte Menschen). Diese B\u00fcrger begannen sich erstmals als autonom Handelnde zu erfahren, und die Kunst begleitete diese neue Erfahrung durch eine kritische Auseinandersetzung und mit der Frage, ob und inwiefern der Mensch eigentlich tats\u00e4chlich \u00fcber sein Handeln bestimmen kann.<\/p>\n<p>Diese Dialektik zwischen individueller Handlungsmacht und der Eingebundenheit in \u00fcberindividuelle Kr\u00e4fte, sei es durch schicksalhafte M\u00e4chte oder gesellschaftliche Verpflichtungen, bildet das Zentrum zahlreicher Stoffe der Dramatik. In diesem Konflikt zwischen individueller Freiheit und kollektiver Gleichheit, den Rechten des Einzelnen und den Bed\u00fcrfnissen der Gemeinschaft, spiegelt sich zudem das grundlegende Paradox der Demokratie. Dieser Konflikt \u2013 wie u.\u2009a. ausf\u00fchrlich von der Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe beschrieben \u2013 muss in einer Demokratie best\u00e4ndig neu ausgehandelt und entschieden werden.<\/p>\n<p>Dabei ist die Demokratie, wie auch die Dramatik, auf \u00e4sthetische Repr\u00e4sentation angewiesen. Das dr\u00fcckt sich bereits in der Architektur aus: Die \u00c4hnlichkeit zwischen beispielsweise dem historischen \u00f6sterreichischen Parlament des 19. Jahrhunderts und dem als \u00e4ltestes Theater der Welt geltenden Theater des Dionysos in Athen ist un\u00fcbersehbar. Sowohl im Parlament als auch auf der B\u00fchne treten Menschen nach vorne, f\u00fchren etwas aus oder vor. Und in beiden sind Menschen darauf angewiesen, andere von etwas zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Die Demokratie ist wegen ihrer Abh\u00e4ngigkeit von Repr\u00e4sentation und \u00fcberzeugender Darstellung vielfach kritisiert worden. Schlie\u00dflich haben dadurch gut performende Demagogen gute Chancen gew\u00e4hlt zu werden. Die Philosophin Juliane Rebentisch argumentiert aber, dass die Demokratie gerade aufgrund ihrer Angewiesenheit auf \u00e4sthetische Repr\u00e4sentation eine der besten aller m\u00f6glichen Staatsformen sei. Denn ihre Eigenart erm\u00f6gliche jeder Person, die B\u00fchne zu betreten und sich \u00f6ffentlich zu \u00e4u\u00dfern. Und auch die Entscheidung, Filme zu machen, bedeutet ein aktives Eintreten auf diese \u00f6ffentliche B\u00fchne. Diese M\u00f6glichkeit, sich am \u00f6ffentlichen Diskurs mit den vielf\u00e4ltigsten Inhalten und Formen zu beteiligen, ist in anderen Staatsformen schlie\u00dflich so nicht unbedingt gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.filmakademie.wien\/de\/demokratie-und-drama-eine-frage-der-entscheidung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zur Vollversion der Keynote.<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist fast trivial zu sagen, dass die Demokratie in einer Krise steckt \u2013 das tut sie im Grunde genommen st\u00e4ndig, sie ist von Natur aus ein fragiles Projekt. 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