{"id":11272,"date":"2024-11-27T11:33:22","date_gmt":"2024-11-27T10:33:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11272"},"modified":"2024-11-27T11:33:22","modified_gmt":"2024-11-27T10:33:22","slug":"intimitaetskoordination-kreiert-innerhalb-der-grenzen-der-darstellenden-aussagekraeftige-szenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/intimitaetskoordination-kreiert-innerhalb-der-grenzen-der-darstellenden-aussagekraeftige-szenen\/","title":{"rendered":"\u201eIntimit\u00e4tskoordination kreiert innerhalb der Grenzen der Darstellenden aussagekr\u00e4ftige Szenen\u201c"},"content":{"rendered":"<h5>Schauspielerin Katharina Haudum ist auch Intimit\u00e4tskoordinatorin. Am Max Reinhardt Seminar leitet sie seit Sommersemester 2024 das Fach <i>Intimit\u00e4tskoordination und konsensbasierte Praxis<\/i>. Dem <i>mdw-Magazin <\/i>gab sie spannende Einblicke in ihre Arbeit.<\/h5>\n<p>Als Intimit\u00e4tskoordinatorin choreografiert Haudum in Zusammenarbeit mit Regie und Schauspieler_innen intime Szenen beim Film. Der Beruf ist relativ neu, nach und nach entsteht ein Bewusstsein f\u00fcr die Wichtigkeit der Position am Set. \u201eSchauspieler_innen d\u00fcrfen Grenzen haben. Diese Haltung war bis vor wenigen Jahren nicht vorrangig\u201c, so Haudum. Mit den Schauspiel- und Regiestudierenden am Max Reinhardt Seminar thematisiert sie in ihrem Unterricht pers\u00f6nliche Grenzen, Einvernehmlichkeit, Machtdynamiken und Hierarchien bei Film und Theater. \u201eDie eigenen Grenzen zu kennen, gibt den Spielenden selbst und ihren Spielpartner_innen Sicherheit, wodurch das Schauspiel besser wird\u201c, sagt Haudum. Wie erfahren Darstellende, wo ihre Grenzen liegen? \u201eDie Studierenden lernen beispielsweise, wie ein physischer Grenzen-Check aussieht. Das Zeigen der Grenzen am eigenen K\u00f6rper und das F\u00fchren der H\u00e4nde meines Gegen\u00fcbers helfen, ohne Druck die pers\u00f6nlichen Grenzen mitzuteilen.\u201c Vor einem Dreh oder einer Auff\u00fchrung sollte es normalisiert werden, sich mit den Grenzen zu besch\u00e4ftigen, daher sollen Studierende ein Bewusstsein daf\u00fcr aufbauen. Dass auch Regiestudierende das Fach besuchen, ist Haudum ein Anliegen: \u201eDie Regie hat meist eine hierarchisch h\u00f6here Position als Schauspieler_innen. Es ist wichtig, die Regie daf\u00fcr zu sensibilisieren, dass daher eine externe, eigens ausgebildete Person f\u00fcr die Choreografie intimer Szenen n\u00f6tig ist.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_11276\" aria-describedby=\"caption-attachment-11276\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11276\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi--1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi--1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi--300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi--768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi--1536x1025.jpeg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi--2048x1366.jpeg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi--850x567.jpeg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11276\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Maria Noi<\/figcaption><\/figure>\n<p>Im Theater wird Intimit\u00e4tskoordination weniger h\u00e4ufig angefragt als beim Film. Haudum f\u00fchrt das auf die Enth\u00fcllungen zu Machtmissbrauch und \u00dcbergriffen in der US-Filmbranche zur\u00fcck und der daraus folgenden #MeToo-Debatte, wo Betroffene sexualisierter Gewalt ihre Erfahrungen \u00f6ffentlich teilten. Das habe die Filmindustrie durch die mediale Berichterstattung mehr in Aufruhr versetzt als die Theaterbranche. An den Theatern w\u00e4re das Hinzuziehen von Intimit\u00e4tskoordination aber genauso notwendig, meint Haudum.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Punkt in der Intimit\u00e4tskoordination ist das Sicherstellen von Einvernehmlichkeit. Basis daf\u00fcr sind spezifische Informationen vor Drehbeginn. Haudum nennt als Beispiel: \u201eIm Drehbuch steht \u201aleidenschaftlicher Sex\u2018. Was bedeutet das f\u00fcr die Schauspieler_innen? Wie viel Nacktheit ist von ihnen zu sehen und welche simulierten sexuellen Aktionen sind gefordert?\u201c Nur wenn die Darstellenden genau wissen, was verlangt ist, k\u00f6nnen sie Sicherheit f\u00fcr die Szene gewinnen. F\u00fcr den Filmdreh spart das Zeit, weil so vermieden werden kann, dass Schauspieler_innen kurzfristig die Szene nicht drehen wollen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11275\" aria-describedby=\"caption-attachment-11275\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11275\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi-2-1-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi-2-1-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi-2-1-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi-2-1-768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi-2-1-1536x1025.jpeg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi-2-1-2048x1366.jpeg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/c-maria-noi-2-1-850x567.jpeg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11275\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Maria Noi<\/figcaption><\/figure>\n<p>Intimit\u00e4tschoreografie wird oft mit Stunt- und Kampfchoreografie verglichen, nur ist das Engagement von Stuntkoordinator_innen selbstverst\u00e4ndlicher. \u201eStunts bergen k\u00f6rperliche Verletzungsgefahr, deshalb werden Fachleute beauftragt. Der Dreh intimer Szenen hat auch Verletzungspotenzial, aber das sieht man nicht, das passiert auf psychischer Ebene\u201c, sagt Haudum. Wichtig ist au\u00dferdem die verwendete Sprache: \u201eAls Intimit\u00e4tskoordinatorin mache ich desexualisierte, choreografische Ansagen, das bringt das Gespielte weg von der privaten Sexualit\u00e4t der Darstellenden.\u201c Eine weitere wichtige Aufgabe von Intimit\u00e4tskoordinator_innen ist zu dokumentieren, was mit den K\u00fcnstler_innen zur Wahrung ihrer Grenzen vereinbart wurde. Der Gro\u00dfteil der Intimit\u00e4tskoordination passiert vor dem Dreh. \u201eIm Idealfall werde ich schon beim Schreiben des Drehbuchs und beim Casting hinzugezogen. Es braucht Vorbereitungszeit\u201c, so Haudum. Kritiker_innen der Intimit\u00e4tskoordination sehen Eingriffe in k\u00fcnstlerische Freiheit oder gar Zensur bei Intimszenen. Haudum dazu: \u201eDurch Intimit\u00e4tskoordination werden Sexszenen nicht weniger, sondern besser. Schauspielende sind sogar tendenziell bereit, mehr zu machen und zu zeigen, wenn sie wissen, wof\u00fcr.\u201c<\/p>\n<p>Nach ihrem Schauspielstudium am Max Reinhardt Seminar absolvierte Haudum eine Zusatzausbildung in der psychosozialen Beratung \u2013 ein wichtiges Fundament f\u00fcr ihre darauffolgende Intimit\u00e4tskoordinationsausbildung mit Vorreiter_innen aus den USA, Kanada und Gro\u00dfbritannien. Ihre Schauspielerfahrung, mit Fokus auf Film, hilft ihr in ihrer T\u00e4tigkeit als Intimit\u00e4tskoordinatorin sehr: \u201eF\u00fcr mich ist es essenziell immer wieder diesen Perspektivenwechsel zu haben.\u201c Zahlreiche Projekte begleitete sie als Intimit\u00e4tskoordinatorin, darunter die Miniserie <i>Kafka<\/i> (Regie: David Schalko) oder der Kinofilm<i> What a Feeling <\/i>(Regie: Kat Rohrer).<\/p>\n<figure id=\"attachment_11456\" aria-describedby=\"caption-attachment-11456\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11456\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/C_Maria-Noi-3-1024x683.jpeg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"567\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/C_Maria-Noi-3-1024x683.jpeg 1024w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/C_Maria-Noi-3-300x200.jpeg 300w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/C_Maria-Noi-3-768x512.jpeg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/C_Maria-Noi-3-1536x1024.jpeg 1536w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/C_Maria-Noi-3-2048x1365.jpeg 2048w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/C_Maria-Noi-3-850x567.jpeg 850w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11456\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Maria Noi<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nun gibt Haudum ihr Wissen an die Studierenden weiter und lernt dabei selbst viel: \u201eDer Austausch mit den Studierenden erm\u00f6glicht mir ein permanentes \u00dcberpr\u00fcfen von dem, was ich vermittle, weil ich ein direktes Feedback bekomme.\u201c In ihrem Unterricht will sie den Studierenden M\u00f6glichkeiten aufzeigen: \u201eSchauspieler_innen k\u00f6nnen anregen, Intimit\u00e4tskoordination hinzuzuziehen und es sich in die Vertr\u00e4ge schreiben lassen. Eine Sexszene mit griffigen Choreografietechniken zu erarbeiten, ohne dabei etwas echt machen zu m\u00fcssen, gibt eine neue Spielfreiheit.\u201c Sie erl\u00e4utert den Studierenden auch, welche Arten von Intimschutz es gibt. \u201eEin Intimschutz sieht aus wie ein Badeanzugstoff mit eingelegtem Silikon. Die Silikonbarriere verhindert, dass sich die Genitalien ber\u00fchren.\u201c Auch f\u00fcr Br\u00fcste gibt es dementsprechenden Schutz.<\/p>\n<p>In ihrem Schauspielstudium wurde der Umgang mit Intimszenen nicht thematisiert. Umso notwendiger fand sie das Angebot des Fachs <i>Intimit\u00e4tskoordination und konsensbasierte Praxis<\/i>, das einzigartig in der deutschsprachigen Schauspielausbildung ist. F\u00fcr Film und Theater w\u00fcnscht sie sich, dass Intimit\u00e4tskoordinator_innen in Zukunft selbstverst\u00e4ndlich bei Projekten hinzugezogen werden, denn: \u201eEine echte Auseinandersetzung mit dem Thema und die Bereitschaft des Teams, sich darauf einzulassen, f\u00fchren zu tollen, aussagekr\u00e4ftigen Intimszenen, die innerhalb der Grenzen der Beteiligten stattfinden.\u201c Und stark erz\u00e4hlte Szenen erh\u00f6hen die Schaulust bei den Zuseher_innen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schauspielerin Katharina Haudum ist auch Intimit\u00e4tskoordinatorin. Am Max Reinhardt Seminar leitet sie seit Sommersemester 2024 das Fach \ufeffIntimit\u00e4tskoordination und konsensbasierte Praxis. 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