{"id":11266,"date":"2024-11-27T11:27:33","date_gmt":"2024-11-27T10:27:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11266"},"modified":"2024-11-27T11:27:33","modified_gmt":"2024-11-27T10:27:33","slug":"schoenberg-die-orgel-und-eine-neuausgabe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/schoenberg-die-orgel-und-eine-neuausgabe\/","title":{"rendered":"Sch\u00f6nberg, die Orgel und eine Neuausgabe"},"content":{"rendered":"<h1>Markus Grassl im Gespr\u00e4ch mit Pier Damiano Peretti<\/h1>\n<p><b>Markus Grassl (MG): <\/b>Anlass unseres Gespr\u00e4chs ist eine von dir in der Universal Edition vorgelegte neue kritische Ausgabe von Arnold Sch\u00f6nbergs einzigem vollendeten Orgelwerk, den <i>Variations on a Recitative <\/i>op.\u00a040. Vielleicht rufen wir zun\u00e4chst das Wesentlichste \u00fcber das St\u00fcck selbst in Erinnerung.<\/p>\n<p><b>Pier Damiano Peretti (PDP):<\/b> Es entstand 1941 im Auftrag des New Yorker Verlags Gray Publishers f\u00fcr ein Reihe, die der Publikation von Orgelwerken von in den USA lebenden Komponisten diente und von William Strickland, einem namhaften amerikanischen Organisten und Dirigenten, initiiert und ediert wurde. Drei Jahre sp\u00e4ter folgte in New York die Urauff\u00fchrung durch Carl Weinrich, den Musikdirektor der Princeton University. Wesentlich beteiligt an der Organisation und Vorbereitung der Auff\u00fchrung war im \u00dcbrigen Eduard Steuermann, wie die im Sch\u00f6nberg Center aufbewahrte Korrespondenz zwischen Sch\u00f6nberg und Steuermann zeigt.<\/p>\n<p><b>MG: <\/b>Sch\u00f6nberg hat sein op.\u00a040 in einem Brief an Ren\u00e9 Leibowitz als \u201emeine \u201aSt\u00fccke im alten Stil\u2018\u201c bezeichnet. Tats\u00e4chlich weckt die Komposition, die aus zehn Variationen \u00fcber ein zu Beginn einstimmig pr\u00e4sentiertes Thema, einer \u00fcberleitenden \u201eCadenza\u201c und einer Fuge besteht, eine Reihe von Erinnerungen an \u00e4ltere Musik.<\/p>\n<p><b>PDP: <\/b>Ja, angefangen bei Johann Sebastian Bach, im Besonderen der Orgel-Passacaglia, bis hin zu Max Reger. Insgesamt d\u00fcrfte auch die verbreitete allgemeine Assoziation von Orgel und Kontrapunkt eine Rolle gespielt haben. Zugleich kommen freilich mit der \u00e4u\u00dferst dichten motivisch-thematischen Arbeit und mit der Anlehnung an Verfahren, die aus der Dodekaphonie bekannt sind, typisch Sch\u00f6nbergsche Kompositionsweisen zum Tragen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11269\" aria-describedby=\"caption-attachment-11269\" style=\"width: 777px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11269\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/arnold-schoenberg-1944-arnold-schooenberg-center-1-777x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"777\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/arnold-schoenberg-1944-arnold-schooenberg-center-1-777x1024.jpg 777w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/arnold-schoenberg-1944-arnold-schooenberg-center-1-228x300.jpg 228w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/arnold-schoenberg-1944-arnold-schooenberg-center-1-768x1012.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/arnold-schoenberg-1944-arnold-schooenberg-center-1-1165x1536.jpg 1165w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/arnold-schoenberg-1944-arnold-schooenberg-center-1-1554x2048.jpg 1554w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/arnold-schoenberg-1944-arnold-schooenberg-center-1-850x1121.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/arnold-schoenberg-1944-arnold-schooenberg-center-1.jpg 1618w\" sizes=\"auto, (max-width: 777px) 100vw, 777px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11269\" class=\"wp-caption-text\">Arnold Sch\u00f6nberg im Jahr der Urauff\u00fchrung des op. 40, 1944 \u00a9 Arnold Sch\u00f6nberg Center, PH8701<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>MG: <\/b>Analoges gilt ja auch f\u00fcr die individuelle harmonische Anlage. Einerseits geh\u00f6rt das op.\u00a040 zu dieser kleinen Gruppe sp\u00e4terer tonaler Werke, ist also klar auf einem Zentralton fundiert, andererseits verwendet es gerade nicht eine traditionelle, auf Quintbeziehungen beruhende Funktionsharmonik \u2026<\/p>\n<p><b>PDP: <\/b>Ja, vielmehr liegt ein in einem umfangreichen Skizzenmaterial erarbeitetes System zugrunde, das sich den chromatischen Tonraum auf ganz eigene Weise erschlie\u00dft und etwa mit Halbtonanschl\u00fcssen zwischen terz- und quartgeschichteten Akkorden operiert.<\/p>\n<p><b>MG:<\/b> Kommen wir zur Ausgabe. Auf den ersten Blick mag man \u00fcberrascht sein, dass es bei einem Werk Sch\u00f6nbergs noch einer kritischen Neuausgabe bedarf. Allerdings stellt das op.\u00a040 philologisch bzw. editorisch einen besonders komplexen Fall dar.<\/p>\n<p><b>PDP:<\/b> Ausgangspunkt des Problems ist die gleichfalls individuelle Notation im Autograph. Wie er es in seinen Werken seit 1917 praktizierte, bedient sich Sch\u00f6nberg n\u00e4mlich einer Resultatnotation, schreibt also die Tonh\u00f6hen, die im Ergebnis erklingen sollen. Das f\u00fchrt im Pedalpart zur Notation von T\u00f6nen, die auf der Pedalklaviatur gar nicht vorhanden, sondern nur bei entsprechender Registrierung zu h\u00f6ren sind. Au\u00dferdem zieht er f\u00fcr registrierungsbedingte Oktavverdoppelung, statt der \u00fcblichen Fu\u00dfangaben eigens entwickelte Bezeichnungen heran (wie z.\u2009B. \u201ecol 8 basso\u201c statt \u201emit 16 Fu\u00df\u201c etc.). Folge war, dass der Verlag statt dieses, wenn man so will \u201eunorganistischen\u201c Notentexts schlie\u00dflich 1947 eine von Weinrich besorgte Einrichtung herausbrachte. Darin wird wohl von der Resultatnotation auf eine \u201ebenutzerfreundliche\u201c Aktionsnotation umgestellt, zugleich f\u00fcgte Weinrich aber reichlich Registrierungsangaben hinzu, die ganz auf seine Orgel in Princeton mit ihrem typisch amerikanischen Registerkombinationssystem zugeschnitten sind \u2026<\/p>\n<p><b>MG: <\/b>\u2026 und damit zu Schwierigkeiten bei der Umsetzung auf anderen Orgeln f\u00fchren.<\/p>\n<p><b>PDP:<\/b> Ja, dementsprechend haben sich schon sehr bald Organist_innen von au\u00dferhalb der USA gegen\u00fcber Sch\u00f6nberg von der Ausgabe irritiert gezeigt.<\/p>\n<p><b>MG:<\/b> So wie bei Sch\u00f6nberg selbst eine sich graduell bis zur v\u00f6lligen Ablehnung steigernde Unzufriedenheit mit Weinrichs Edition zu beobachten ist, obwohl Sch\u00f6nberg seitens des Verlags bzw. Weinrichs in die Vorbereitung eingebunden war.<\/p>\n<p><b>PDP:<\/b> Man kann sogar zeigen, dass eine Reihe von Artikulationsangaben, die noch nicht im Autograph, dann aber bei Weinrich zu finden sind, auf diese Vor- bzw. Korrekturarbeiten, d.\u2009h. auf Sch\u00f6nberg zur\u00fcckgehen.<\/p>\n<p><b>MG: <\/b>Die zweite bis dato verf\u00fcgbare Edition ist jene, die 1973 von Christian Martin Schmidt im Rahmen der Sch\u00f6nberg-Gesamtausgabe vorgelegt wurde. Deren Problem ist freilich, dass sie zur unpraktischen Resultatnotation zur\u00fcckkehrt &#8230;<\/p>\n<p><b>PDP:<\/b> &#8230; ebenso wie zu den eigenwilligen Oktavierungsangaben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_11270\" aria-describedby=\"caption-attachment-11270\" style=\"width: 756px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-11270\" src=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/reinschrift-b-s-1-756x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"756\" height=\"1024\" srcset=\"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/reinschrift-b-s-1-756x1024.jpg 756w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/reinschrift-b-s-1-221x300.jpg 221w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/reinschrift-b-s-1-768x1041.jpg 768w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/reinschrift-b-s-1-1133x1536.jpg 1133w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/reinschrift-b-s-1-1511x2048.jpg 1511w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/reinschrift-b-s-1-850x1152.jpg 850w, https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-content\/uploads\/2024\/11\/reinschrift-b-s-1.jpg 1574w\" sizes=\"auto, (max-width: 756px) 100vw, 756px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11270\" class=\"wp-caption-text\">Arnold Sch\u00f6nberg, Variations on a Recitative op. 40, erste Seite des Lichtpausfaksimiles der autographen Reinschrift \u00a9 Arnold Sch\u00f6nberg Center<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>MG:<\/b> Kannst du das Ziel deiner Neuausgabe beschreiben? Ich nehme an, es geht darum, sowohl einen wissenschaftlich-philologisch fundierten Text zur Verf\u00fcgung zu stellen, zugleich aber spielpraktischen Erfordernissen entgegenzukommen?<\/p>\n<p><b>PDP: <\/b>Ja. Das bedeutet die Verwendung einer Aktionsnotation und g\u00e4ngiger Fu\u00dfangaben zur Erzielung der geforderten Tonh\u00f6hen im Pedal und zur Wiedergabe der von Sch\u00f6nberg vermerkten Oktavverdoppelungen. Und es war notwendig, an vielen einzelnen Stellen die aus praktischer Sicht plausibleren Lesarten zu ermitteln \u2013 auch die Gesamtausgabe bringt gelegentlich diskussionsw\u00fcrdige L\u00f6sungen. Voraussetzung daf\u00fcr war die Kollation einer Reihe von Quellen \u2013 der Skizzen, des Autographs, der Revisionen, die Sch\u00f6nberg sp\u00e4ter in einem Lichtpausfaksimile des Autographs vornahm (siehe Abb.), der Weinrich-Ausgabe, aber auch einer Quelle, die in den fr\u00fcheren Ausgaben noch nicht ber\u00fccksichtig wurde, n\u00e4mlich einer Errata-Liste, die Sch\u00f6nberg noch 1941 Strickland zusandte. Sie enth\u00e4lt Korrekturen und Erg\u00e4nzungen, aber auch Bemerkungen Sch\u00f6nbergs zu seinen klangfarblichen Vorstellungen.<\/p>\n<p><b>MG:<\/b> Im Zusammenhang mit Sch\u00f6nbergs op.\u00a040 sollten wir jedenfalls noch Michael Radulescu erw\u00e4hnen, den bedeutenden Organisten, Komponisten und langj\u00e4hrigen Leiter einer Orgelklasse an der mdw, der ja auch dein Lehrer war. Hast du das St\u00fcck bei ihm studiert?<\/p>\n<p><b>PDP:<\/b> Ja \u2013 und \u00fcbrigens auch bei der abschlie\u00dfenden Diplompr\u00fcfung gespielt. Sch\u00f6nbergs Variations waren ein Fixpunkt in Radulescus Unterricht. \u00dcberhaupt hat ihn das St\u00fcck sein Leben lang begleitet \u2013 beginnend mit dem Studium bei Anton Heiller, der es ebenfalls regelm\u00e4\u00dfig in seiner Klasse behandelt hat, dann immer wieder als Programmpunkt in Konzerten bis hin zu einer analytischen und philologischen Auseinandersetzung, die 1982 in einen Aufsatz in der Zeitschrift <i>Musik und Kirche <\/i>m\u00fcndete und die auch einen Anhaltspunkt f\u00fcr meine Ausgabe geliefert haben. Ich hoffe, dass meine Edition dem Werk zu einem neuen \u201eSchub\u201c verhilft \u2013 denn international betrachtet fristet es immer noch eine Randexistenz, sowohl im Orgelrepertoire als auch in der allgemeinen Sch\u00f6nberg-Rezeption.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anlass dieses Gespr\u00e4chs ist eine in der Universal Edition vorgelegte neue kritische Ausgabe von Arnold Sch\u00f6nbergs einzigem vollendeten Orgelwerk, den Variations on a Recitative op.\u00a040.<\/p>\n","protected":false},"author":383,"featured_media":11268,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[1510,1456,1530,1483,837],"class_list":["post-11266","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-music","tag-2024-4","tag-arnoldschoenberg","tag-schoenberg","tag-schoenberg150","tag-music"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11266","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/383"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11266"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11266\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11452,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11266\/revisions\/11452"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11268"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11266"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11266"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11266"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}