{"id":11257,"date":"2024-11-27T14:16:00","date_gmt":"2024-11-27T13:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11257"},"modified":"2024-11-27T16:12:07","modified_gmt":"2024-11-27T15:12:07","slug":"was-kann-kuenstlerische-forschung-angesichts-der-klimakrise-beitragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/was-kann-kuenstlerische-forschung-angesichts-der-klimakrise-beitragen\/","title":{"rendered":"Was kann k\u00fcnstlerische Forschung angesichts der Klimakrise beitragen?"},"content":{"rendered":"Die Dringlichkeit eines Wandels menschlichen Verhaltens angesichts der unmittelbaren und langfristigen Gefahren des Klimawandels stellt uns auch im Bereich der Artistic Research vor die Frage, was f\u00fcr Konsequenzen dies f\u00fcr unsere Praxis und deren Inhalte hat. Es lassen sich hierbei verschiedene Strategien beobachten: Man kann z.\u2009B. den CO<sub>2<\/sub>-Fu\u00dfabdruck von k\u00fcnstlerisch forschenden Aktivit\u00e4ten berechnen und entsprechend das \u201eWie?\u201c ver\u00e4ndern, ohne den Inhalt \u2013 also das \u201eWas?\u201c \u2013 infrage zu stellen. Dies mag verdienstvoll sein, allerdings sind K\u00fcnstler_innen und Kunstforschende nicht unbedingt Expert_innen darin. Sie w\u00e4ren hier Anwender_innen von Wissen aus anderen Fachdisziplinen. Ein tiefer gehender Ansatz w\u00e4re, sich inhaltlich mit Natur und Klimawandel zu befassen. Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich nicht leugnen, dass die Anzahl von Kunstprojekten, die die Natur in einen k\u00fcnstlerischen Kontext bringen, massiv zunimmt. Pflanzen werden z.\u2009B. mit Sensoren best\u00fcckt und sind dann Teil musikalischer Auff\u00fchrungen oder k\u00fcnstlerischer Ausstellungen. Doch ist dieser Import von (ein wenig) Natur in einen k\u00fcnstlerischen Raum (Konzertsaal, Ausstellungshalle) notwendigerweise f\u00fcr das Objekt des Imports gedeihlich? Hier geht es wohl prim\u00e4r um Anregung zur Reflexion \u00fcber Natur. Dies mag bedeutsam sein, doch l\u00e4sst sich nur schwer der Eindruck vermeiden, dass Natur hier \u201eben\u00fctzt\u201c wird, durchaus in Analogie zur Verwendung \u201eexotischer\u201c Instrumente\/Elemente in europ\u00e4ischer Kunstmusik. Wenn wir also im Bereich transkultureller Kunstprojekte eine ethnomusikologisch informierte Praxis einfordern <span id='easy-footnote-1-11257' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/was-kann-kuenstlerische-forschung-angesichts-der-klimakrise-beitragen\/#easy-footnote-bottom-1-11257' title=' Siehe &lt;a&gt;www.mdw.ac.at\/creativemisunderstandings&lt;\/a&gt; und &lt;a&gt;www.mdw.ac.at\/magazin\/index.php\/2019\/11\/29\/kreative-missverstaendnisse-methodologien-der-inspiration&lt;\/a&gt;'><sup>1<\/sup><\/a><\/span>, m\u00fcsste man dem Import von Natur in Kunst nicht mit ebensolcher Haltung begegnen? Sollten wir nicht noch tiefer gehen und uns noch mehr Wissen \u00fcber die \u201eNatur\u201c aneignen?<\/p>\n<p>Deshalb: Der Bereich, wo K\u00fcnstler_innen die st\u00e4rkste Kompetenz aufweisen, ist die Frage der (Re-)Definition ihrer eigenen Disziplin. Wie Bruno Latour (2015) zeigt, bedingen die Begriffe Natur und Kultur einander wechselseitig, weshalb er den Begriff der \u201eNaturKultur\u201c vorschl\u00e4gt, welcher die Untrennbarkeit in biophysikalisch <i>und<\/i> gesellschaftlich geformten Beziehungen anerkennt<span id='easy-footnote-2-11257' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/was-kann-kuenstlerische-forschung-angesichts-der-klimakrise-beitragen\/#easy-footnote-bottom-2-11257' title='vgl. Fuentes 2010, Haraway 2003.'><sup>2<\/sup><\/a><\/span>. Der folgende Entwurf von Fragestellungen k\u00f6nnte Ausganspunkt sein, um sich einer sympoietischen (Haraway 2016) k\u00fcnstlerischen forschenden Praxis anzun\u00e4hern. Schaffen wir es so, mit k\u00fcnstlerischer Forschung vom Anthropoz\u00e4n in das Symbioz\u00e4n<span id='easy-footnote-3-11257' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/was-kann-kuenstlerische-forschung-angesichts-der-klimakrise-beitragen\/#easy-footnote-bottom-3-11257' title='vgl., Albrecht, Glenn A.; Van Horn, Gavin: Exiting the Anthropocene and entering the Symbiocene, 2016. &lt;a&gt;humansandnature.org\/exiting-the-anthropocene-and-entering-the-symbiocene&lt;\/a&gt;'><sup>3<\/sup><\/a><\/span> zu kommen?<\/p>\n<ul>\n<li>Was f\u00fcr Konsequenzen hat es, wenn wir die Begriffe Natur und Kultur (Latour 2015) als wechselseitig bedingt betrachten, und akzeptieren, dass die Natur in den Menschen hineinreicht<span id='easy-footnote-4-11257' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/was-kann-kuenstlerische-forschung-angesichts-der-klimakrise-beitragen\/#easy-footnote-bottom-4-11257' title='Punkt 2 bis 4 basieren zum Teil auf Rupert Riedel, Evolution und Erkenntnis. Piper 1982, und Rupert Riedl: Zeus, Darwin und Russels Huhn. K&amp;amp;S 1994.'><sup>4<\/sup><\/a><\/span>? K\u00f6nnen wir die angebliche \u00dcberlegenheit des Menschen gegen\u00fcber Nicht-Menschen hinter uns lassen? Wenn ja, wie?<\/li>\n<li>K\u00f6nnen wir in dem Bewusstsein agieren, dass jede Art auf diesem Planeten in st\u00e4ndiger Wechselwirkung mit einer gro\u00dfen Anzahl anderer Arten steht, dass ihre blo\u00dfe Existenz einander bedingt? Was \u00e4ndert sich, wenn wir biologische Evolution nicht als das \u00dcberleben des St\u00e4rkeren verstehen, sondern das als \u00dcberleben der Passenden in wechselseitigen Abh\u00e4ngigkeiten?<\/li>\n<li>Wie k\u00f6nnen wir die irref\u00fchrende Denkweise des Industriezeitalters (sowohl hinsichtlich biologischer als auch technologischer Evolution) \u00fcberwinden, in welcher \u00fcberall linearer Fortschritt angenommen wird?<\/li>\n<li>F\u00fcr wen w\u00e4ren diese Fragestellungen relevant? Kann man annehmen, dass die durch technische Entwicklung maximierte menschliche Beeinflussung der Biosph\u00e4re (\u201eAnthropoz\u00e4n\u201c) alle Menschen und Nicht-Menschen gleicherma\u00dfen betrifft? Sollte deshalb die Bew\u00e4ltigung des Problems und die Suche nach neuen Beziehungen zwischen ALLEN Bewohner_innen der Biosph\u00e4re, jedenfalls f\u00fcr alle Menschen, relevant sein \u2013 unabh\u00e4ngig von Nationalit\u00e4t, Kultur, ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit, Geschlecht und Wohlstand?<\/li>\n<li>Wie k\u00f6nnen K\u00fcnstler_innen beitragen? K\u00f6nnen wir eine nachhaltige Vorgangsweise entwickeln, indem wir anthropozentrische R\u00e4ume verlassen oder zumindest hinterfragen? Muss Kunst k\u00fcnstlich sein? K\u00f6nnte eine Kunst, welche die Notwendigkeit hinterfragt, selbst nicht-nat\u00fcrlich (k\u00fcnstlich) zu sein, zu jenen Ver\u00e4nderungen von Denkweisen und Wertesystemen beitragen, die f\u00fcr nachhaltige\/ausgewogene Beziehungen zwischen Menschen und Nicht-Menschen erforderlich sind? Kann das Zuh\u00f6ren, Erforschen, Infragestellen und Neukonfigurieren der vermeintlichen Demarkationslinie zwischen Natur und Kultur bzw. Kunst zu neuen NatureCulture Art Practices f\u00fchren, ohne die Natur zu romantisieren?<\/li>\n<li>Wie k\u00f6nnte man solche NatureCulture Art Practices umsetzen? K\u00f6nnen in Anlehnung an die transkulturelle k\u00fcnstlerische Forschung NatureCulture Art Practices auf wechselseitig befruchtenden Interaktionen zwischen Menschen und Nicht-Menschen beruhen? Was ergibt sich daraus, wenn die Feldforschung aus der Ethnomusikologie auf Nicht-Menschen ausgeweitet wird? Welche Expert_innen w\u00fcrden daf\u00fcr ben\u00f6tigt werden, Biolog_innen, \u00d6komusikolog_innen, indigene\/lokale Gemeinschaften mit situiertem Wissen? K\u00f6nnen Tabus\/lokale Traditionen die Erfahrung und das Wissen aus jahrhundertelangen Interaktionen zwischen Menschen und Nicht-Menschen sowie Wege zum Ausgleich zwischen beiden beinhalten? Kann ein Dialog zwischen verschiedenen Ontologien und Wertesystemen geschaffen werden, als Voraussetzung f\u00fcr gr\u00fcndliche und unvoreingenommene Beobachtung? W\u00e4ren spezielle Ger\u00e4te f\u00f6rderlich, welche Wahrnehmung jenseits menschlicher Sinne erlauben (Ultra- oder Infraschall, Ultraviolett, Infrarot). Welches Bewusstsein f\u00fcr nicht-menschliche Zeitma\u00dfst\u00e4be (Zeitraffer\/Zeitlupe) m\u00fcssten NatureCulture Art Practices erfordern? Wie langsam und vorsichtig sollte der Schritt von Beobachtung zu Interpretation und Aktion erfolgen? Wie kann man Bereiche, in denen K\u00fcnstler_innen NatureCulture Art Practices nicht-invasiv entwickeln, behutsam identifizieren?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auf jeden Fall lohnt es sich, diesen Fragen nicht aus dem Weg zu gehen.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Dringlichkeit eines Wandels menschlichen Verhaltens angesichts der unmittelbaren und langfristigen Gefahren des Klimawandels stellt uns auch im Bereich der Artistic Research vor die Frage, was f\u00fcr Konsequenzen dies f\u00fcr unsere Praxis und deren Inhalte hat.<\/p>\n","protected":false},"author":173,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1510,854],"class_list":["post-11257","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-special","tag-2024-4","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11257","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/173"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11257"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11257\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11505,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11257\/revisions\/11505"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}