{"id":11245,"date":"2024-11-27T14:11:19","date_gmt":"2024-11-27T13:11:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/?p=11245"},"modified":"2024-11-28T13:55:04","modified_gmt":"2024-11-28T12:55:04","slug":"oekomusikologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/oekomusikologie\/","title":{"rendered":"\u00d6ko(musiko)logie"},"content":{"rendered":"Die Frage, ob \u00d6kologie und Musikschaffen etwas miteinander zu tun haben, w\u00fcrden wohl viele von uns ohne Z\u00f6gern mit Ja beantworten. Im Gespr\u00e4ch mit Kolleginnen und Kollegen f\u00e4llt auf, dass die diesbez\u00fcgliche Debatte von h\u00f6chster Aktualit\u00e4t ist. Dabei gibt es den Begriff \u201e\u00d6kologie\u201c eigentlich noch nicht lange \u2013 er stammt aus der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts. Der Traum eines Anschmiegens an die Natur, eines Lauschens auf deren innere Triebkr\u00e4fte und Geheimnisse ist aber wohl viel \u00e4lter \u2013 wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst.<\/p>\n<p>Im Lauf der Geschichte haben sich die Vorstellung von Natur und damit das Verh\u00e4ltnis der Musikschaffenden zur Natur fortw\u00e4hrend gewandelt. Ein Beispiel: Claude Debussys <i>La Mer<\/i> (1905) unterscheidet sich grunds\u00e4tzlich von Naturdarstellungen der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts wie etwa Ludwig van Beethovens <i>Pastorale<\/i>. Debussy belausche \u2013 so der franz\u00f6sische Philosoph und Musikschriftsteller Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitch \u2013 \u201edie Brust des Ozeans und das Atmen der Gezeiten, das Herz des Meeres und der Erde\u201c. In<i> La Mer<\/i> sei \u201edas Gesicht der menschlichen Person vollst\u00e4ndig verschwunden\u201c, es sei \u201eein Gedicht der anonymen Elemente und der unmenschlichen Himmelserscheinungen\u201c.<span id='easy-footnote-1-11245' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/oekomusikologie\/#easy-footnote-bottom-1-11245' title='Vladimir Jank\u00e9l\u00e9vitch, Die Musik und das Unaussprechliche, Berlin 2016, S. 59.'><sup>1<\/sup><\/a><\/span> F\u00fcr Jank\u00e9l\u00e9vitch klingt Debussys Musik also, als verschwinde der Mensch hinter der Natur. Wie kommt es zu dieser Wahrnehmungshaltung? Ist in dieser Musik noch ein kompositorisches Subjekt sp\u00fcrbar? Oder ist sie einem unbekannten \u201eGegen\u00fcber\u201c abgelauscht?<\/p>\n<p>Derartige Fragen wurden nach 1945 aktuell und verbanden sich mit \u00f6kologischen Debatten. Im Gegensatz zu fr\u00fcheren Zeiten, als so manche der \u00dcberzeugung waren, die Natur sei als beherrschbare Instanz aufzufassen, suchte man dieses scheinbar fremdartige Terrain nun besser kennenzulernen. Allm\u00e4hlich tastete man sich an die Zielsetzung heran, Mensch und Natur im Rahmen einer \u201eAllianztechnik\u201c (Ernst Bloch) als Bestandteile eines \u00fcbergreifenden Ganzen aufzufassen.<\/p>\n<p>So vertrat etwa James Gibson in <i>The Ecological Approach to Visual Perception <\/i>(1979) einen Ansatz, demgem\u00e4\u00df Natur nicht als \u201eAnderes\u201c, sondern als integraler Teil unserer Sinneswelt gelten sollte. Von den Ideen Gibsons wurden nicht nur Wissenschaftler_innen, sondern auch Komponist_innen wie G\u00e9rard Grisey oder Salvatore Sciarrino beeinflusst.<\/p>\n<p>Bei Grisey findet sich in den 1970er-Jahren eine kompositorisch-\u00f6kologische Perspektive, die auch heute noch bei nicht wenigen Komponist_innen weiterwirkt.<span id='easy-footnote-2-11245' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/oekomusikologie\/#easy-footnote-bottom-2-11245' title='Vgl. Daniel Smutny, \u00bbMusik als \u00f6kologische Praxis\u00ab, in:&lt;a&gt; www.daniel-smutny.de\/texte\/musik-als-oekologische-praxis-2021&lt;\/a&gt; (3.\u200a10.\u200a2024).'><sup>2<\/sup><\/a><\/span> Grisey begriff Kl\u00e4nge nicht als beherrsch- und austauschbare \u201eParameter\u201c, sondern als Lebewesen mit einer Geburt, einem Leben und einem Tod. Er geh\u00f6rte einer Generation an, die es erstmals zustande brachte, das Innenleben der Kl\u00e4nge mikroskopisch zu erfassen. Dadurch realisierte er, dass das aller Natur zugrundeliegende Prinzip des Entstehens und Vergehens auch die Zeitlichkeit der Kl\u00e4nge in ihrem Innersten konstituiert.<\/p>\n<p>Auch Sciarrino bringt in seinen Texten und Werkkommentaren den Begriff \u00d6kologie zur Sprache. Dabei geht er von einer Einheit von Subjekt und Objekt sowie einer untrennbaren Verflechtung der Sinne aus. Sciarrinos Ansatz besteht darin, Kl\u00e4nge nicht blo\u00df (dem Wortsinn entsprechend) zu \u201ekomponieren\u201c, also zusammenzustellen, sondern \u2013 darin ist er Grisey sehr nahe \u2013 die Eigenart der Kl\u00e4nge und die Funktionsweise der Wahrnehmung zu erforschen und nachhaltig zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Man kann sich dies etwa folgenderma\u00dfen vorstellen: Kl\u00e4nge stellen den H\u00f6rerinnen und H\u00f6rern Angebote (oder, wie Gibson sagen w\u00fcrde: \u201eAffordanzen\u201c) bereit. Zugleich werfen die Wahrnehmenden \u201eihre Netze aus\u201c (Sciarrino) und sind f\u00fcr manche dieser Angebote empf\u00e4nglich. In diesem Wechselspiel findet unsere Begegnung mit der klingenden Welt statt. Zu bedenken ist dabei, dass jeder Mensch anders wahrnimmt und seine Netze auf individuelle Weise auswirft. Vor diesem Hintergrund verweist der Begriff \u201esdoppiamento\u201c (Spaltung) auf den Versuch des Komponisten, sich vom eigenen Selbst zu distanzieren und ein inneres B\u00fcndnis mit der H\u00f6rerin\/dem H\u00f6rer zu schlie\u00dfen. Als Folge dieses \u2013 auf Empathie fu\u00dfenden \u2013 kollektiven Wahrnehmungsprozesses wird H\u00f6ren zu einer \u00fcbergreifenden Sinneswahrnehmung, die letztendlich zu einer \u201eVision\u201c des Ganzen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Eine weitere M\u00f6glichkeit, sich dieser Ganzheitlichkeit anzun\u00e4hern, bietet der Begriff \u201eAtmosph\u00e4re\u201c, den Gernot B\u00f6hme 1995 in den Mittelpunkt seiner gleichnamigen Studie stellt. B\u00f6hme bezieht hier jene Wechselwirkungen mit ein, die eine atmosph\u00e4rische Einheit von Mensch und Natur mit sich bringt: \u201eDie Atmosph\u00e4re ist die gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen.\u201c<span id='easy-footnote-3-11245' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/oekomusikologie\/#easy-footnote-bottom-3-11245' title='Gernot B\u00f6hme, Atmosph\u00e4re. Essays zur neuen \u00c4sthetik, Frankfurt\/M. 1995, S. 34.'><sup>3<\/sup><\/a><\/span>\n<p>Wenden wir uns vor diesem Hintergrund noch einmal der Musik Sciarrinos zu: In der Oper <i>Luci mie traditrici<\/i> (dt.: <i>Die t\u00f6dliche Blume<\/i>) ist die gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen unmittelbar zu sp\u00fcren. Alle Sinne werden aktiviert: Den visuellen Impulsen, die uns von der B\u00fchne her erreichen, entsprechen Instrumentalkl\u00e4nge, die eine k\u00f6rperliche Wirkung auf uns aus\u00fcben. Je nachdem, ob wir uns in der Morgenr\u00f6te, der Mittagshelle oder Abendd\u00e4mmerung befinden, wird die Natur anders zum Klingen gebracht. Diese atmosph\u00e4rischen Klangtransformationen bilden eine Analogie zur inneren Dramatik der Handlung. Natur und Mensch formen eine Einheit. Der Ausgang dieses Projekts ist jedoch offen. Am Schluss von Sciarrinos Oper stellt sich der Eindruck ein, als sei die Allianz als schicksalshaft-ausweglose Verstrickung zu deuten. Der Mensch ist ein Abgrund, eingebunden in eine dunkel-abgr\u00fcndige Natur.<\/p>\n<p>Gibt es heutzutage so etwas wie ein \u201e\u00f6kologisches Komponieren\u201c? Einerseits k\u00f6nnte man mit Recht behaupten, dass etwa Soundscapes einem solchen Anspruch nahekommen. Andererseits sollte man die Relation zwischen Musik und \u00d6kologie nicht zu eng fassen. Denn heute ist grunds\u00e4tzlich jede Kunstaus\u00fcbung aufgerufen, Formen des Miteinanders zwischen Kunst und Natur, Subjekt und Objekt, Denken und F\u00fchlen auszuloten und historisch \u00fcberlieferte Dichotomien kritisch zu hinterfragen. Dieser Prozess ist l\u00e4ngst im Gange.<span id='easy-footnote-4-11245' class='easy-footnote-margin-adjust'><\/span><span class='easy-footnote'><a href='https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/2024\/11\/27\/oekomusikologie\/#easy-footnote-bottom-4-11245' title='Siehe z.\u2009B. Aaron S. Allen und Kevin Dawe, Current Directions in Ecomusicology, New York \u2013 London 2017.'><sup>4<\/sup><\/a><\/span> Er ist unaufhaltsam und bezieht sich auf alle zeitgen\u00f6ssischen Kunstformen. \u2013 Man wird sehen, wohin er f\u00fchrt.","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, ob \u00d6kologie und Musikschaffen etwas miteinander zu tun haben, w\u00fcrden wohl viele von uns ohne Z\u00f6gern mit Ja beantworten. Im Gespr\u00e4ch mit Kolleginnen und Kollegen f\u00e4llt auf, dass die diesbez\u00fcgliche Debatte von h\u00f6chster Aktualit\u00e4t ist.<\/p>\n","protected":false},"author":90,"featured_media":11247,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1510,1539,854],"class_list":["post-11245","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-special","tag-2024-4","tag-oekomusikologie","tag-special"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11245","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/users\/90"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=11245"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11245\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":11516,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/11245\/revisions\/11516"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media\/11247"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=11245"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=11245"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.mdw.ac.at\/magazin\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=11245"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}