Nicola Färber: Caroline Schleicher-Krähmer. Le comble du ridicule. 2008 (Dissertation)
Mit der nunmehr vorliegenden Dissertation aus dem Bereich Musiksoziologie und Genderforschung liegt erstmals eine Gesamtdarstellung des Lebens der Berufsmusikerin Caroline Schleicher-Krähmer vor. Der Autorin ist es vorzüglich gelungen, aus den bislang nur bruchstückhaft vorliegenden Informationen ein Bild der –  nach derzeitigem Forschungsstand – vermutlich ersten professionellen Solo-Klarinettistin in ihrem sozialen Umfeld  zu zeichnen. Anhand ihres Lebenslaufes beschreibt Frau Färber eindrucksvoll, wie diese Frau ihre Doppelrolle als Mutter zahlreicher Kinder und reisende Virtuosin bewältigte, aber auch, wie sie von der Öffentlichkeit aufgenommen und bewertet wurde. Basierend auf umfangreichen und minutiösen Archivrecherchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz näherte sie sich immer mehr dieser Künstlerin an und „versuchte, zu verstehen, wie sie lebte und handelte.“ (Einleitung) Im Zuge ihrer intensiven Forschungen gelang es  Frau Färber nicht nur, die  im Standard-Nachschlagewerk von Aaron Cohen erwähnte Autobiographie der Musikerin ausfindig zu machen, sondern auch zu  belegen, dass die bislang ältest bekannte Quelle aus dem Jahre 1837, nämlich  Gustav Schillings Lexikonartikel, auf dieser Autobiographie basiert. Darüber hinaus gelang es Frau Färber auch noch Stammbäume der Familie zu erstellen, die Daten und Fakten enthalten, die bislang nicht bekannt waren. Die umfangreiche (und publikationsreife)  Arbeit zeichnet sich  durch sorgfältigst durchgeführte Recherchen – nahezu alle gefundenen Dokumente sind damit erstmalig der Öffentlichkeit zugänglich – einer klugen und umsichtigen soziologischen Interpretation auch noch so kleiner und auf ersten Blick eher unwichtig erscheinenden Forschungsdetails, aber auch durch einen äußerst umfangreichen Fußnotenapparat und eine höchst elaborierte Sprache aus.

Elisabeth Kerschbaumer: Entwicklung und Situation der Trachtenmusikkapelle Konradsheim im Verhältnis zum Musikschulverband Waidhofen/Ybbstal. 2008 (Diplomarbeit)
Frau Kerschbaumer beschäftigt sich in ihrer Diplomarbeit mit der Geschichte und der aktuellen Situation einer Trachtenkapelle und eines Musikschulverbandes in einer westlich gelegenen Region Niederösterreichs. Insofern, als sie selbst in diesem Musikschulverband als Musikerzieherin tätig ist, war der Zugang zu entsprechenden Quellen und relevanten Auskunftspersonen gesichert. Neben der Beschreibung der Region, der Aufarbeitung der historischen Entwicklung des Musikschulverbandes und der Trachtenkapelle, führte Frau Kerschbaumer auch eine Befragung bei den Mitgliedern der Trachtenkapelle durch, bei der es ihr vor allem um die Abklärung der Bedeutung der Musikschule für die Kapellenmitglieder ging. Die Darstellung der historischen Entwicklung ist ebenso wie die Beschreibung der aktuellen Strukturen des Musikschulverbandes und der Trachtenmusikkapelle sehr detailreich und daher erschöpfend erfolgt. Die vorhandenen Quellen wurden akribisch durchforstet, die Ergebnisse gelegentlich beinahe ein wenig zu detailverliebt dargestellt. Die vielfältigen Verflechtungen, Kooperationen und Aktivitäten des Musikschulverbandes einerseits und der Trachtenmusikkapelle andererseits werden gut nachvollziehbar referiert. Der empirische Teil, bei dem von 53 ausgeteilten 48 Fragebögen verwertet werden konnten, ist ordentlich durchgeführt und die Ergebnisse werden anschaulich dokumentiert. Die zentrale Forschungsfrage, die Frau Kerschbaumer zu klären versuchte, nämlich die Bedeutung der Musikschule für die Aktivitäten und das Potential der Trachtenmusikkapelle zu belegen, kann als gelungen bezeichnet werden.

Albert Landertinger: Musikvermittlung in Orchesterkonzerten. Am Beispiel von MOVE.ON. Die Orchesterwerkstatt des Bruckner Orchesters Linz. Eine soziologische Studie. 2008 (Dissertation)
Albert Landertinger ist lang gedienter Orchestermusiker und hat sich im Laufe dieser Tätigkeit für das Thema Musikvermittlung zu interessieren begonnen. Aus einer anfänglichen Neugierde an der Thematik entwickelte sich ein strukturiertes professionelles Interesse, das schließlich zur Gründung der Orchesterwerkstatt MOVE.ON führte. Die äußerst umfangreiche Dissertation gliedert sich in zwei Teile: in einen theoretischen und einen empirischen. Der erste Teil befasst sich mit den für die Musikvermittlung relevanten Grundlagen: mit der Musikwahrnehmung, dem Musiklernen bzw. -verstehen und schließlich mit dem Musikerleben. Er befasst sich aber auch mit der Geschichte der Orchesterkonzerte und der Entwicklung der Konzertpädagogik im In- und Ausland. Mit Beispielen wird belegt, welche funktionierenden Vermittlungsmodelle in anderen Ländern bereits mit Erfolg existieren. Im zweiten, empirischen Teil stellt Landertinger im Detail vor, wie es zur Realisation der Vermittlungstätigkeit beim Bruckner Orchester Linz kam. Der Beschreibung der Planungs- und Pilotphase folgt eine detaillierte Analyse der Saisonen 2003/2004 bis 2006/2007 als auch der jeweiligen Workshops. Im Vorwort erläutert A. Landertinger seine Motivation: „Die vorliegende Dissertation soll einen Beitrag dazu leisten, Orchestermusik und das Orchester selbst gegen neue Strömungen der Kulturpolitik oder auch einer sogenannten >Eventkultur< abzusichern. Sie soll vor allem die Musikerkollegenschaft aus anderen Orchestern ermutigen, nach eigenen Konzepten zu suchen, sich verstärkt in die Vermittlung einzubringen und die Geschicke eines Orchesters selbst mitzugestalten.“ Es wäre zum Einen wünschenswert, wenn die sehr übersichtlich konzipierte Dissertation einer größeren Öffentlichkeit durch Drucklegung zugänglich gemacht würde und zum Anderen die kulturpolitisch überaus wichtige Vermittlungsarbeit weiterhin viel Nachahmung fände, denn frei nach Murray Schafer ist das „Vorhandensein von Ohren noch keine Garantie dafür, dass auch gehört wird.“ Albert Landertinger ist es hervorragend geglückt, die Entwicklungsgeschichte der Musikvermittlung generell als auch jene am Beispiel des Bruckner Orchesters Linz im Speziellen – also jenes Klangkörpers, dem er seit über zwanzig Jahren angehört – in ihrer Chronologie in ausgefeilter Sprache klar und umsichtig darzustellen. Die Quellenangaben sind umfangreich und formal einwandfrei, vor allem die angeführten Internet-Adressen laden zur Weiterarbeit ein.

Christina Meyer: Die Beschreibung des Musikschulverbandes Behamberg-Ernsthofen-Haidershofen unter besonderer Berücksichtigung des Schuljahres 2007/08. Bestandaufnahme und empirische Erhebung. 2008 (Diplomarbeit)
Frau Meyer beschäftigt sich in ihrer Diplomarbeit mit der Geschichte und der aktuellen Situation eines Musikschulverbandes in einer westlich gelegenen Region Niederösterreichs. Insofern, als sie selbst in diesem Musikschulverband als Musikerzieherin tätig ist, war der Zugang zu entsprechenden Quellen und relevanten Auskunftspersonen gesichert. Neben der Beschreibung der Region, der Aufarbeitung der historischen Entwicklung des Musikschulverbandes, der Beschreibung der aktuellen Situation, was Lehrende, SchülerInnenstruktur, Unterrichtsangebot und diverse Aktivitäten des Verbandes betrifft, hat Frau Meyer auch eine Eltern- und SchülerInnenbefragung durchgeführt, bei der es vor allem um die Abklärung von Motivation, Aktivitäten und Zufriedenheit in Bezug auf den Musikschulunterricht ging. Die Darstellung der historischen Entwicklung ist ebenso wie die Beschreibung der aktuellen Strukturen des Musikschulverbandes sehr detailreich und daher erschöpfend erfolgt. Die vielfältigen Verflechtungen, Kooperationen und Aktivitäten des Musikschulverbandes im Rahmen des Kulturlebens der Region werden genau dargestellt. Der empirische Teil, bei dem (von 520 ausgeteilten) beinahe 300 Schüler und 2281 Eltern-Fragebögen verwertet werden konnten, ist ordentlich durchgeführt und die Ergebnisse werden übersichtlich präsentiert.

Elisabeth Pemmer: Germaine Tailleferre (1892–1983). Leben und Vokalwerk – Versuch einer Bestandsaufnahme. 2008 (Diplomarbeit)
Elisabeth Pemmer hat sich in ihrer Diplomarbeit mit Leben und  Werk, insbesondere dem Vokalwerk, der französischen Komponistin Germaine Tailleferre auseinandergesetzt. Dank eines von unserer Universität gewährten Förderstipendiums war es ihr möglich in Paris zu recherchieren und  Unterlagen auszuwerten, die in Wiener Bibliotheken nicht zur Verfügung gestanden wären. Es handelt sich hierbei insbesondere um Memoiren der Komponistin und einzigem weiblichen Mitglied der Groupe de Six, als auch um von Radio France im Januar 1975 aufgenommene  Interviews bzw. um Videoaufnahmen. Eine weitere wichtige Informationsquelle stellten auch die von der Verfasserin der Diplomarbeit in Frankreich geführten Interviews mit dem betagten Verfasser einer der Biografien über Tailleferre, Georges Hacquard, und mit dem Halbbruder der Enkelin der Komponistin, Orlando de Rudder,  dar. Der biographische Abschnitt basiert im Wesentlichen auf den Memoiren Tailleferres, die etwas überlastig herangezogen und leider oft auch ohne die notwendige hinterfragende Distanz  ins Deutsche übersetzt wurden. Ein eigenes Kapitel befasst sich naheliegend mit den anderen Mitgliedern der Groupe des Six, wobei auch hier im wesentlichen nur einer Quelle bevorzugtes Augenmerk geschenkt wird (Roy) bzw. Wikipedia-Seiten der jeweiligen Mitglieder zitiert werden. So werden beispielsweise weder  die Memoiren von D. Milhaud (Notes sans musique) noch die  Autobiographie von A. Honegger (Je suis compositeur) ausgewertet, obwohl beide im Literaturverzeichnis Eingang gefunden haben (letztere in deutscher Sprache). Verdienstvoll ist die Erstellung eines vergleichenden Vokalverzeichnisses (ab S. 84), welches  Werk-Angaben von vier Quellen  sehr übersichtlich dokumentiert gegenüberstellt und damit –  alleine schon optisch – das Ausmaß des Vokalschaffens von Germaine Taillefere ersichtlich macht.

Julia Saleschak: Das Musikerziehungsstudium zwischen Kunst, Lehre und Wissenschaft – unter besonderer Berücksichtigung seiner Stellung an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. 2008 (Diplomarbeit)
Frau Saleschak setzt sich am Ende ihres Musikerziehungs-Studiums noch einmal reflektierend und analytisch mit demselben auseinander. Thema der Arbeit ist die Untersuchung einer Studienrichtung, seiner historischen Entwicklung, seiner rechtlichen, bildungspolitischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, seiner Organisationsstruktur und seiner Funktion im Regelwerk der Universität sowie im österreichischen Musikleben. Der Kern und eigentliche Antrieb der Arbeit liegt allerdings in der Thematisierung des von der Autorin erlebten Widerspruchs zwischen großen Anforderungen und relativ geringem Prestige des Studiums Musikerziehung (und in der Folge der ME-Studierenden) an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw). Die Problematik der sozialen Ungleichheit ist ein „Dauerbrenner“ der Soziologie. Die Bearbeitung ihrer Erscheinungsweise in Form von subjektiv erlebter Degradierung der Musikerziehung gegenüber anderen Studien an der mdw erfolgt hier gut strukturiert, klar durchdacht und methodisch transparent. Es wird klar, dass eine kritische Überprüfung der subjektiven Eindrücke und ein starkes aufklärerisches Interesse die Vorgangsweise bestimmen.  Nach einer Überblicksdarstellung vorliegender Ergebnisse früherer Untersuchungen zum Thema erläutert Frau Saleschak die eigene empirische Vorgangsweise, klärt die Rahmenbedingungen des Studiums aus historischer, legistischer und universitäts-organisatorischer Perspektive, um sich dann auf Basis der eigenen empirischen Erhebungen – sieben Expert/inn/en-Interviews und zwei quantitative Fragebogen-Erhebungen unter Studierenden kritisch mit dem Studium auseinander zu setzen, wie es sich aktuell darstellt. Dabei gelingt es ihr sehr gut, zu zeigen, dass
a)    die Qualität des ME-Studiums vor allem in seiner Vielfalt liegt, einer Vielfalt, die auf dem umfassenden LV-Angebot aus drei Bereichen beruht: Kunst, Lehre und Wissenschaft.
b)    die damit einhergehende relativ geringere Exzellenz im Hauptfach­instrument in der Regel nicht zu einer generellen Minderbewertung durch Außenstehende führt.
Die in der Einleitung formulierten Forschungsfragen wurden somit befriedigend beantwortet, die Hypothese überzeugend widerlegt. Auch die Sprache, die Art der Darstellung und die Einarbeitung der empirischen Ergebnisse sind einwandfrei.
 
Andreas Salzbrunn: Musik als Trend und Ausdrucksmittel – eine empirische Untersuchung der Musiksozialisation von Jugendlichen. 2008 (Diplomarbeit)
Herr Salzbrunn beschäftigt sich in seiner Diplomarbeit mit der Frage, welche Bedeutung Musik im Leben junger Menschen heute hat. Ausgehend von der Überlegung, dass sich die Möglichkeiten und Rahmenbedingungen musikalischer Sozialisation beständig ändern und in den letzten Jahren durch Globalisierung und Kommerzialisierung sowie durch neue Informations- und Kommunikationsmedien radikal geändert haben, fragt Andreas Salzbrunn nach den Herangehensweisen Jugendlicher an Musik und den entsprechenden Hintergründen. Ausgangspunkt der Beobachtungen ist die eigene Berufspraxis des Autors als Musiklehrer und Chorleiter in Wien und Niederösterreich. Die aus der Alltagserfahrung gewonnenen Befunde wurden durch Studium von Fachliteratur erweitert und führten dann zum Kern der Arbeit, einer empirischen Erhebung unter Schülerinnen und Schülern. U.a. standen folgende Fragestellungen im Zentrum der Forschung: Inwieweit ist Musik bestimmend für die soziale und emotionale Standortbestimmung Jugendlicher? Wie zeigt sich der Einfluss von Werbewirtschaft und Massenmedien? Welche Rolle spielt das Elternhaus als Impulsgeber und Orientierungshilfe musikalischer Sozialisation? Inwieweit wird die bevorzugte Musik im Rahmen einer Jugendkultur gelebt? Welche Rolle haben unterschiedliche Distributionsformen von Musik auf Präferenzen und Musikgeschmack? Welche Rolle spielt aktives Singen und Musizieren in der Lebenswelt Jugendlicher? In seiner empirischen Untersuchung mit quantitativer Online-Befragung ist es Andreas Salzbrunn gelungen, erhellende Antworten auf aktuelle Fragen des Musiklebens zu gewinnen. Eine zusätzliche Dimension bekommt die Untersuchung dadurch, dass Schüler/innen sowohl einer ländlichen Hauptschule als auch eines urbanen Gymnasiums als auch einer Musikhauptschule befragt wurden. Auch der Vergleich mit den Ergebnissen einer zehn Jahre zurückliegenden empirischen Erhebung des Autors mit ähnlichen Fragestellungen ist interessant. Durch die nicht sehr hohe Anzahl befragter Schüler/innen ist zwar die Repräsentativität der Ergebnisse für die Gesamtbevölkerung nur bedingt gegeben, dennoch ist die Arbeit mit Gewinn zu lesen.
 
Thomas Sixt: Tekla Badarewska-Baranowska. La Prière d’une Vièrge – Ein musiksoziologisches Phänomen. 2008 (Diplomarbeit)
Thomas Sixt hat sich mit der Klavierkomposition „Gebet einer Jungfrau“, einem „opus curiosum“ der Salonmusik eingehend befasst: Diese Komposition dürfte eher bekannt sein als die Komponistin selbst. Nur wenige biografische Informationen – in deutscher Sprache – lagen bislang vor,  die eine „erste Annäherung“  an Leben und Werk dieser polnischen Komponistin des 19. Jahrhunderts leicht machten. Sixt hat, basierend auf einem polnischen  Artikel, versucht, das Leben  von Tekla Badarzewska-Baranowska zu rekonstruieren und zu analysieren, wie es dazu kommen konnte, dass dieses vom melodischen und harmonischen Aufbau her doch eher schlichte Stück sich so rasch verbreiten und in den verschiedensten Transkriptionen gedruckt werden konnte. Eine Werkanalyse des „Gebetes“ – bestehend aus Thema, 5 Variationen und Coda – zeigt, dass es sich wohl kaum um Variationen in herkömmlichen Sinne, sondern lediglich um eine Wiederholung „des immer Gleichen“ (S. 75) handelt. Verdienstvoll ist die Aufstellung eines Werkverzeichnisses (S. 76 ff): es lassen sich 36 Werke der Komponistin nachweisen, die aufgrund der Titelgebung wohl alle der Salonmusik zuzuordnen  sein dürften (z.B.: Salonstück, Gebet einer Mutter, Traum der Jungfrau, Traum eines Engels, Abendlied der Jungfrau...). Im Anhang befinden sich die Noten zum „opus curiosum“ sowohl in Originalfassung als auch in einer sehr vereinfachten, technisch  anspruchslosen Version.