16. Fachtagung für Inklusives Musizieren: Musizieren mit Menschen im Autismusspektrum (28. Mai 2021)


Letztlich sind es die drei Parameter Empathie, entwicklungsdynamisch orientierte Analyse sowie die darauf abgestimmte musikalische Fachdidaktik, welche die gesuchte gemeinsame Schnittmenge der benachbarten Fachbereiche Musiktherapie und Musikpädagogik in der musikalischen Arbeit mit Menschen mit und ohne Autismus-Diagnose ausmachen.

Wir Veranstalter, Beate Hennenberg (mdw), Kathrin Hofkofler (Musikschulen Wien), Helga Neira Zugasti (mdw) und Michael Weber (Musikschulen Wien), hatten uns für eine coronabedingt hybride Durchführung der Tagung entschieden, so erreichten wir 101 Teilnehmende. Das IKM nahm uns am Campus der mdw freundlich auf und Medientechniker Arik Kofranek hatte nicht wenig zu tun, die einzuspielenden Formate und Kanäle zu betreuen. Neben den beiden genannten Institutionen bezuschusste die Tagung auch die Koordinationsstelle für Musikalische Bildung durch Brigitte Weißengruber.

Musik bietet ein reiches Feld, um den individuellen Zugang so zu gestalten, dass den je individuellen Bedürfnissen entsprochen werden kann. So gab Emelyne Bingham von der Vanderbilt University, Nashville, USA, in ihrer Keynote Practicing phonomimetic (conducting-like) gestures facilitates vocal performance of typically developing children and children with autism: an experimental study spannende persönliche und wissenschaftliche Einblicke in ihre Forschungsarbeiten in den Bereichen Gestik, Musik und Autismus. Daraus entwickelte sich eine lebendige Gruppendiskussion, geleitet und übersetzt von Shirley Salmon, Mozarteum Salzburg. Binghams Vortrag wurde in deutscher Übersetzung sowie in Leichter Sprache für Teilnehmende mit Lernschwierigkeiten zur Verfügung gestellt.

Darüber, wie Therapie und Pädagogik in der Musizierpraxis einander ergänzen, sprachen Christian Gold, NORCE Norwegian Research Centre AS, Bergen, Norway, und Helga Neira Zugasti, mdw. Gold stellte im Vortrag Musiktherapie versus Spieltherapie im Einzelsetting mit Kindern im Autismusspektrum: Binationale randomisierte Studie zu Kommunikation, Teilhabe und Hirnkonnektivität sein aktuelles Forschungsprojekt vor, wobei bei ihm Musik vor allem als Kommunikationsmedium verstanden wird. Ergebnisse werden für zukünftige Therapieangebote von direkter Relevanz sein. Neira schloss mit dem Vortrag Entwicklungsdynamische Beobachtung als didaktische Hilfe an, in dem sie dafür plädierte, auf die im Moment zur Verfügung stehenden Möglichkeiten jedes Mitspielenden sinnvoll einzugehen.

Im ersten Block des Nachmittags kamen die verschiedenen Akteur*innen des inklusiven klassischen Ensembles der mdw, Classic All, zu Wort. Helga Neira Zugasty informierte über den Findungsprozess eines inklusiv musizierenden Ensembles. Beate Hennenberg ordnete im Vortrag Inklusion als gesellschaftlich relevantes Thema in musikpädagogischen Lehrplänen an der mdw: Notwendigkeit und erfüllender Studieninhalt die inklusive Fachdidaktik in Strukturen ein. Christoph Falschlunger sprach über Methodisch-didaktische Aspekte inklusiven Musizierens. Erstmals berichteten auch die Studierenden über ihre vielfältigen Erfahrungen in dieser Lehrveranstaltung: Carla Doben stellte die Veehharfe als Instrument für das Musizieren in heterogenen Gruppen vor. Federico Durando benannte die Improvisation als substanziellen Teil der inklusiven musikalischen Arbeit. Kathrin Fabian stellte Differenzierung im gemeinsamen Musizieren in den Vordergrund und Verena Grundner beschäftigte sich mit verschiedenen Notationssystemen. Hiroyo Watanabe gab Einblicke in ihre Arbeit als Studienassistentin und Gruppenleiterin. Zwei Musiker des Ensembles, Mario und Jonathan, gaben Auskunft darüber, was für sie neu war und worauf sie sich am meisten freuen beim Musizieren in Classic All.

Im dritten Präsentationsblock der Tagung standen langjährige Praktiker im Zentrum. Zunächst stellten Direktor Anton Diestelberger und Musikpädagogin Urszula Ghoshal den Verein und die Tagesstruktur Rainman’s Home in Wien vor, woran sich anschauliche Erfahrungsberichte über das musikalische Arbeiten mit Menschen, die mit Autismus leben, von Sylvia Sagmeister und Veronika Humpel von den Musikschulen Wien sowie Eva Königer und Ines Pilz vom mdw-Ensemble Young All Stars Band anschlossen. Zahlreiche Feedbacks begrüßten den regen fachlichen Austausch und die professionelle Gestaltung dieser 16. Fachtagung, die als ein weiterer Baustein für die pädagogische Exzellenz, die inklusives Musizieren in der Musikpädagogik darstellt, zu verstehen ist.

Beate Hennenberg