Warum eine Theorie der Musikalischen Schrift?

 

Selbstverständlich stehen Theorie, Geschichte und Analyse musikalischer Notationen seit jeher im Zentrum musikologischer Forschungsbemühungen, findet doch die Musikwissenschaft ihre epistemologischen Wurzeln in der philologischen Auseinandersetzung mit musikalischen Schrifttexten. Zu dem genuin philologischen tritt das Interesse aus der Perspektive der musikalischen Praxis, die sich in vielfältiger Art und Weise um die Realisierung des schriftlich Fixierten bemüht. Doch nicht nur die Musikwissenschaft und ihre Teildisziplinen greifen in vielfältiger Weise auf Fragen der musikalischen Schrift zurück, die von dem skizzierten Forschungsprojekt lancierte ‚Drehung‘ der Perspektive einer Theorie der musikalischen Schrift und damit die Fokussierung auf bislang weniger deutlich beachtete Phänomene besitzt vor diesem Hintergrund für diverse Zweige geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung grundlegende Bedeutung:

(I) In Hinsicht auf die Historische Musikwissenschaft ergibt sich neben der Erforschung von creative processes insbesondere auch die Möglichkeit einer differenzierten Sicht des Verweisungszusammenhangs von Werk, Text und Schrift.
(II) Die musikalische Philologie profitiert von dem autorenübergreifenden Ansatz in Hinblick auf vergleichende Grundlagen der Skizzenforschung und erhält damit einen wichtigen Baustein für eine allgemeine Theorie und Methodologie.
III) Für Überlegungen der allgemeinen Philologie beinhalten Hinweise aus der musikalischen Skizzenforschung vor allem in Hinblick auf Fragen der Räumlichkeit, internen Zeitlichkeit beträchtliches methodisches Innovationspotential; auch ist zu erwähnen, dass die musikalische Skizzenforschung aufgrund der guten Ergebnisse, die differenzierte Forschungen in Hinblick auf Papiersorten, Wasserzeichen und andere Aspekte mit sich brachten (Notenpapiere sind über materiale Besonderheiten üblicherweise sehr viel exakter zu identifizieren als allgemeine Papiere, dergestalt kann die materiale Beschaffenheit mitunter als stichhaltige Grundlage für textgenetische Argumentationen herangezogen werden), in dem vieldiskutierten, nunmehr als ‚Material Philology‘ bezeichneten Bereich schon seit geraumer Zeit Know-how entwickelt hat. Hier ist ebenso wie in Hinblick auf die beträchtliche Erfahrung im Umgang mit individuellen Schriftbildern ein gewichtiger Beitrag musikphilologischer Forschung auf den allgemeinen Schriftdiskurs zu erwarten.
(IV) In dem Bereich der Kulturwissenschaften sind diverse Anknüpfungspunkte in Bezug auf die Kulturtechnik des Schreibens von Musik besonders in den Diskursen um Kulturelles Gedächtnis und Kulturelle Identität gegeben.
(V) Die Kreativitätsforschung profitiert zum einen in materialer und medialer Hinsicht von den quellenbasierten Forschungsbemühungen des Projekts und erhält zum anderen in Bezug auf die Erforschung operativer Möglichkeit der Schrift wichtige Informationen zu ‚schriftmotivierten‘ kreativen Prozessen.
(VI) Medienhistorische und medienwissenschaftliche Diskussionen finden in der zu entwickelnden Theorie der musikalischen Schrift zum einen wichtige Impulse für Überlegungen zu (musikalischen) Notation als spezifischen Medien des Geistes; von der Beschäftigung mit neuen digitalen Möglichkeiten musikalischer Schrift sind des Weiteren wesentliche Impulse für diese Forschungsdisziplinen zu erwarten, steht doch die Entwicklung audiovisueller Technologien derzeit im besonderen Fokus technischer Entwicklungen.
(VII) Das Projekt bemüht sich im Sinne geistes- und kulturwissenschaftlicher Grundlagenforschung auch um die Etablierung eines interdisziplinär vernetzten Vokabulars, das erlaubt, über Fragen musikalischer Schrift im wissenschaftlichen Austausch der Disziplinen differenziert zu kommunizieren.
(VIII) Eine ausformulierte Theorie der musikalischen Schrift kann entscheidende Bausteine für eine allgemeine Theorie nicht-phonographischer Schriftkonzepte beitragen.