In memoriam Dr. Rudolf Pietsch (1951-2020)

...nun haben wir Gewissheit, vor einer Woche hat uns die Nachricht ereilt, dass unser Freund und Kollege Rudolf Pietsch verstorben ist. Diese Nachricht bedeutete nicht nur Trauer, sondern unendliche Fassungslosigkeit. Rudolf Pietsch,
für alle (und zwar wirklich alle) ganz einfach der „Rudi“, war (und bleibt) ein unendlich strahlendes, musikalisches Urgestein.

Rudi kannten eigentlich alle und all jene die behaupten, sie würden ihn nicht gekannt haben, müssen irren. Wer ihn besser kannte, erinnert sich an einen unbiegsamen und grundehrlichen Musikanten, der den Schalk im Nacken tragend, der Welt ein Lächeln abrang. Kein Anlass war ihm zu gering, um spontan ein Lied darauf zu reimen und dieses auch sofort mit den gerade anwesenden Menschen zu intonieren. Ein „Ehrenstückl“ war immer schnell zur Hand und kam daher immer von Herzen. Wenn man ihn traf, ging es ihm nach eigenen Worten immer schlecht. Er eröffnete eine Konversation beinahe regelmäßig mit dem Satz: „...des is a Wahnsinn, I bin so fertig...“, griff sogleich, nicht selten zur Geige und stand im selben Moment unter Starkstrom. Er sprang herum, zappelte beim Spielen, nichts blieb unberührt - alles schien inszeniert, war aber immer aus dem Bauch heraus improvisiert. Rudi ging vielleicht an seine Grenzen, aber nie zu weit.

Rudi betrieb Wissenschaft sprichwörtlich vom Tanzboden aus für den Tanzboden, absolut seriös, aber immer aus der Perspektive des praktizierenden Musikanten. Er eröffnete Generationen von jungen Studierenden neue Horizonte nicht dadurch, dass er ihnen erklärte wie und warum etwas sei oder eben nicht, sondern indem er aufgestellte Behauptungen oder erlangte Erkenntnisse sofort auf deren Tauglichkeit im praktischen Musizierbetrieb überprüfte. Nur so war Forschung für ihn überhaupt sinnvoll.

Nach seiner offiziellen Pensionierung unterrichtete er noch einige Semester bei uns am „Joseph Haydn Institut“. Unermüdlich und zu einer Zeit, in welcher es ihm nicht mehr so gut ging, von seinen Mitmenschen geliebt und den Studierenden ob seines Wissens immens geschätzt.

Lieber Rudi, ich verneige mich im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen des „Joseph Haydn Institutes“ vor dir.
Danke dass wir dich kennen durften. Du fehlst unendlich!

Leonhard Paul

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Geboren 1951 in Wien; Schulbildung bis zur Matura in Wien; Lehramtsstudium an der Musikhochschule Wien
(Musikerziehung & Instrumentalmusikerziehung); 1978 Lehramtsprüfung für Violine und Blockflöte, Studium der Geographie und Wirtschaftskunde (nicht abgeschlossen); Unterrichtstätigkeit am BG&BRG 21 (Franklinstr. 26), sowie an der Musikschule Perchtoldsdorf bei Wien.

Seit 1981 wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit als Assistent am Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, 1991 Abschluß eines Doktoratsstudiums der Musikwissenschaft mit der Dissertation Musik bei ausgewanderten Burgenländern in den USA.

Leitung der Geigenmusiken Die Tanzgeiger und Heanzenquartett.

Zahlreiche Auftritte als Musikant im In- und Ausland, sowie Platten-, Fernseh- und Rundfunkaufnahmen. Seit über 30 Jahren als Leiter und Referent für Volksmusikkurse tätig, im Sinne einer Erschließung der Künste. Zahlreiche Publikationen zum Thema Volksmusik.

Als Beamter ist er ab 1.12.2016 in den Ruhestand getreten.