Bühnenaufnahme der Tanztheater-Produktion: Maataw – the Floating Island, Taipei, National Theatre Hall 
© Huang Yu-Shun 2016

Kreative (Miss)Verständnisse

Methodologien der Inspiration

Dieses Projekt widmet sich der Entwicklung von neuen Umgangsweisen mit Inspiration (welche wir als auf Solidarität basierenden, wechselseitig wertgeschätzten, absichtlichen und reziproken künstlerischen Einfluss betrachten), durch die Kombination von Ansätzen des Komponierens Neuer Musik sowie der Improvisation mit ethnomusikalischer und soziologischer Forschung. Wir ermutigen zu kreativen (Miss)Verständnissen, die aus der Interaktion von Wissenschaft und künstlerischer Praxis hervorgehen, zwischen Europäischer Kunstmusik und Volksmusik sowie nicht-westlichen Stilen, insbesondere von indigenen Minderheiten in Taiwan. Sowohl das Verstehen als auch das Nicht-Verstehen führen zu glücklichen Zufallsentdeckungen und Inspiration, zu neuen Forschungsfragen, innovativem künstlerischen Schaffen und auch zu angewandten Folgeprojekten unter den nicht-westlichen Communities.

Das Projekt geht von zwei Voraussetzungen aus: Erstens tendiert zeitgenössische westliche Kunstmusik als Praxis zu einem gewissen Grad von Elitismus; zweitens wird nicht-westliches musikalisches Wissen oft entweder ignoriert oder geradezu ausgebeutet, wenn es in den Bereich kompositorischer Inspiration kommt. Wir betrachten Inspiration nicht als Einbahnstraße, die einen Input—beispielsweise durch das Aufnehmen oder Herunterladen von Material für den künstlerischen Gebrauch—darstellt. Stattdessen setzen wir uns für jene Art der künstlerischen Interaktion ein, die dialogische und dezentralisierte Wissensproduktion bei musikalischen Begegnungen unterstützt. Das Entwickeln einer interdisziplinären und transkulturellen Methodologie des Schaffens von Musik wird dazu beitragen, einerseits den—zu Recht oder zu Unrecht wahrgenommenen—Elfenbeinturm zeitgenössischer Komposition für soziale Relevanz zu öffnen, und andererseits die Anerkennung künstlerischer Werte in nicht-westlichen Musikpraktiken fördern. Durch das Betonen des wechselseitigen Charakters von Inspiration wird creative (mis)understandings zu gesellschaftlich relevanteren innovativen Methodologien des Schaffens und der Verbreitung bedeutungstragender Musik beitragen.

Die Methoden, welche in dem vorgeschlagenen Projekt angewendet werden, nehmen ihren Ausgangspunkt in der Erkenntnis, dass Menschen, die in nicht-westlichen traditionellen Gesellschaften leben, oft Vorgangsweisen der Wissensproduktion innerhalb des klanglichen Bereiches verwenden, die für zeitgenössische KomponistInnen (abgesehen von exotistischen oder orientalistischen Aneignungen des „Fremden“) meist unbeachtet oder unbekannt sind.

Das Projekt gliedert sich in vier Phasen: Feldforschung und Interaktion mit musikalischen Minderheiten-Communities in Taiwan mit Fokus bei den Tao auf der Insel Lanyu, kollaborative Workshops in Wien, eine Phase der künstlerischen Forschung mit eingeladenen indigenen Taiwanesischen Trainern in Wien und Feld-Feedback wieder in Taiwan. In allen diesen Phasen werden Austausch und Koordinierung zwischen KomponistInnen, ImprovisatorInnen, Musikschaffenden, WissenschaftlerInnen und den Source Communities von wesentlicher Bedeutung sein, nicht nur, um den kreativen Prozess zu reflektieren, sondern auch, um eine starke Wechselwirkung zwischen Schaffen und Gesellschaft zu unterstützen. Re-Interaktion mit den Source Communities im weitesten Sinne ebenso wie die Beteiligung des Publikums werden helfen, die soziale Relevanz der künstlerischen Resultate zu erhöhen.

Die Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW) wird das Projekt beherbergen. Die Mitwirkenden, Johannes Kretz (Projektleiter) und Wei-Ya Lin (Co-Projektleiterin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin) mit ihrem Team von zwölf KomponistInnen und fünf wissenschaftlichen BeraterInnen weisen eine weitreichende Erfahrung in den für das Projekt künstlerisch bzw. wissenschaftlich relevanten Gebieten auf.