Kulturelle Vielfalt in Kunst, Wissenschaft, Lehre und universitären Strukturen

Die Vorstellung von Kultur als Ausdruck von Ethnizität, statisch, klar abgegrenzt und in sich homogen, ist heute wissenschaftlich weitgehend überholt. Die Beschreibungen nationaler und kultureller Identitäten im Sinne von „imagined communities“ (Anderson 1983) und „invented traditions“ (Hobsbawm 1983) heben den Konstruktionscharakter von Kultur hervor oder verweisen auf ihre Hybridität (Bhabha 1994). Das Konzept der (kulturellen) Übersetzung „jenseits der Äquivalenz-Beziehung zwischen bereits bestehenden Positionen“ geht von einem Prozess der Interaktion aus, innerhalb dessen sich verschiedene kulturelle Sphären überhaupt erst herausbilden (Bachmann-Medick 2009).
 
Tagespolitische Diskurse hingegen zeigen ein anderes Bild. Sie greifen auf essenzialisierende Konzepte von Kulturen als in sich homogene Totalitäten zurück, die sich zum Paradigma eines „Kampfes zwischen Kulturen“ (Huntington 1996) verfestigen. Vor allem die politische Rechte macht sich die Rhetorik des „Kulturkonflikts“ zu Nutze und setzt kulturelle Festschreibungen als alleiniges Erklärungsmuster für politische, ökonomische und soziale Fragestellungen und für ihre rassistischen Argumentationslinien ein.
 
In den Feldern von Kunst und Wissenschaft stellen die Globalisierung des Bildungsmarktes und kultureller Rezeption, weltweite Migration und die damit verbundenen gesellschaftlichen Neuzusammensetzungen sowie die zunehmende Studierenden- und Lehrendenmobilität künstlerisch-wissenschaftliche Institutionen wie die mdw vor neue Herausforderungen. Was bedeutet die Auseinandersetzung mit der heute so oft zitierten und von EU und UNESCO proklamierten „kulturellen Vielfalt“ an einer traditionsreichen Institution wie der mdw mit 47% ihrer Studierenden aus dem Ausland? Welche Erfordernisse sind damit verbunden in Hinblick auf das tägliche Miteinander, den Umgang mit einer Vielzahl von Sprachen, unterschiedlichen kulturellen Prägungen und künstlerischen Konzepten, Fähigkeiten, Lehrmethoden, Curricula oder Kanons? Gängige Konzepte des Diversity-Managements scheinen zu kurz zu greifen für eine differenzierte und kritische Auseinandersetzung mit der Komplexität der Thematik und für ein entschiedenes Handeln gegen Diskriminierung und Rassismus.
 
Das Konzept der Transkulturalität dient dem vorliegenden Projekt als Ausgangspunkt, da mit dem Präfix „trans“ einerseits das Überschreiten von Grenzen und das Durchqueren unterschiedlichster Vorstellungsräume jenseits binärer Strukturen wie etwa zwischen dem „Eigenen“ und dem „Fremden“ angedeutet, andererseits mit dem zweiten Teil des Wortes, „Kulturalität“, der Kulturbegriff selbst hinterfragt wird. Der Begriff der Transkulturalität wurde in den 1990er Jahren von dem deutschen Philosophen Wolfgang Welsch (Welsch 1999) im Rahmen seiner Theorie einer transkulturellen Gesellschaft eingeführt und in der Folge vielfach aufgegriffen, da er geeignet sei, „die tatsächliche Situation kultureller Lebensformen einer wachsenden Zahl von Menschen zu erfassen und Missverständlichkeiten vorzubeugen, die die etablierten Begriffe von Multikulturalität und Interkulturalität nach sich gezogen haben“ (Fischer 2005).
 
Das vorliegende Projekt geht von diesem Ansatz aus und entwickelt ihn eigenständig weiter in Hinblick auf die Vielzahl kultureller Repräsentationen und die damit verbundenen Wahrnehmungs- und Deutungsmuster heute - nicht zuletzt auch im Kontext eines „cultural turn“ in den letzten Jahrzenten und Tendenzen der Kulturalisierung. Die aktuelle Konjunktur des Übersetzungsparadigmas kann diesbezüglich als ambivalent betrachtet werden, wenn sie diese Tendenz der Privilegierung von „Kultur“ als grundlegende Sphäre menschlichen Handelns und politischer Veränderung stützt (Buden/Nowotny 2008). Dies betrifft nicht nur die Kunst bzw. das kulturelle Feld als Austragungsort von Kämpfen, sondern auch die Wissenschaft, die „kein neutraler Ort der Beobachtung von kulturellen Phänomenen“ ist, „da sie selbst als kulturelles Produkt an diesen Phänomenen teilhat, ja selbst ein kulturelles Phänomen darstellt und zugleich die Kultur immer von neuem mitgestaltet“ (Gürses 2010, S. 282). Das Projekt Transkulturalität_mdw folgt deshalb methodisch als auch inhaltlich einem transversalen Ansatz „bewegter Zugehörigkeiten“ (Strasser 2009), der über die wissenschaftliche Intersektionalität hinausgeht, indem er Ansätze verschiedener, für die mdw relevanter, Wissenschaftsdisziplinen mit künstlerischen, aktivistischen und didaktischen bzw. pädagogischen Praxen verknüpft, was sich auch als konkrete Praxis des Übersetzens lesen lässt.
 
Weder wird im Ansatz der Transkulturalität „Kultur“ als unveränderliche Kategorie von Differenz essenzialisiert noch wird ihre Übersetzung zu einem postuniversalistischen Lösungsprinzip erklärt. Die kritische Hinterfragung der „Grenzen des Kulturkonzepts“ (Nowotny/Staudigl 2008) und der darin enthaltenen Hierarchien, Ein- und Ausschlüsse unter Berücksichtigung der historischen, (post)kolonialen, migrationspolitischen und ökonomischen Bedingungen von Kunst- und Wissensproduktion heute schafft eine kritische Perspektive auf das translationale Paradigma und seiner Potenziale und eröffnet neue Räume für die Möglichkeit politischen Handelns und gesellschaftlicher Veränderung.

Text: Therese Kaufmann

Projektteam: Ursula Hemetek, Daliah Hindler, Harald Huber, Therese Kaufmann, Gerda Müller, Hande Sağlam.