Begriffliches

Der aus der modernen Musikproduktion/Musikindustrie stammende Begriff LOUDNESS WAR beschreibt eine auf psychoakustischen Grundlagen beruhende (Marketing-)Strategie der Musikindustrie, die darauf abzielt unter Einsatz musikelektronischer Mittel (so genannter AUDIO-Kompression) eine maximale LAUTHEIT von Musikproduktionen zu erreichen, um auf diesem Wege einen höheren Absatz einschlägiger Produktionen und Produkte zu erzielen.

Bereits an dieser Stelle sei betont, dass der Begriff AUDIO-KOMPRESSION keinesfalls mit dem Begriff der AUDIO-DATEN-KOMPRESSION verwechselt werden darf (gleichwohl zwischen beiden - wie noch zu zeigen sein wird - im Spezialfall auch Zusammenhänge bestehen).

Im Englischen wird AUDIO-KOMPRESSION als dynamic range compression (DRC) bezeichnet.

Durch diese deutliche fachsprachliche Differenzierung zur audio compression data (= Audio-Daten-Kompression) entsteht kaum Verwechslungsgefahr zwischen den beiden Phänomenen, wogegen im deutschen Sprachgebrauch auf den Unterschied zwischen Audio-Kompression und Audio-Daten-Kompression immer ausdrücklich hingewiesen werden muss, um Verwechslungen der beiden Begriffe auszuschliessen.

AUDIO-KOMPRESSION bezeichnet das Verringern bzw. Begrenzen des Dynamikumfanges von elektroakustisch und/oder digital verarbeiteten Schallsignalen vermittels so genannter DYNAMIKPROZESSOREN.

AUDIO-DATEN-KOMPRESSION meint hingegen die Minimierung von digitalem Datenvolumen beim Speichern bzw. Übertragen von Musikdateien durch spezielle verlustfreie und/oder verlustbehaftete Algorithmen (wie z.B. .mp3).

Der oben erwähnte Zusammenhang zwischen den beiden Phänomenen besteht darin, dass beim Einsatz mancher Algorithmen zur AUDIO-DATEN-KOMPRESSION der (unerwünschte) Nebeneffekt einer AUDIO-KOMPRESSION resultiert. Man bedenke also, dass stark AUDIO-KOMPRIMIERTES Material eine weitere (ungewollte) AUDIO-KOMPRIMIERUNG erfahren kann, wenn es (z.B. von einem privaten Anwender auf dessen PC) AUDIO-DATEN-KOMPRIMIERT wird.

Lautheit: Ist ein psychoakustischer Begriff, der die „empfundene (subjektive) Lautstärke von Schall“ beschreibt. Die Einheit der Lautheit ist das sone. 1 sone entspricht dabei einem Lautstärkepegel von 40 phon. 40 phon = Sinuston mit 1 kHz und Schalldruckpegel 40dB.

WOZU ÜBERHAUPT AUDIO-KOMPRESSION/LIMITING?

  • ursprünglich um das Material beim Schneiden von Vinylplatten vor Überlastung und Zerstörung zu schützen.
  • um den "natürlichen" Dynamikumfang von Musik (z.B. einer Orchesteraufführung) in häuslicher Umgebung durch Radio etc. abspielbar zu machen. (Stichwort: Zimmerlautstärke, so wäre ein im Falle Orchester erreichbarer Dynamikumfang von über 100dB zu groß um zu Hause via Radio ohne Belästigung der Umgebung gehört werden zu können. Bereits Immanuel Kant befasste sich mit diesem Problem in der "Kritik der Urteilskraft" §53: "Außerdem hängt der Musik ein gewisser Mangel der Urbanität an, daß sie, vornehmlich nach Beschaffenheit ihrer Instrumente, ihren Einfluß weiter, als man ihn verlangt (auf die Nachbarschaft), ausbreitet, und so sich gleichsam aufdringt, mithin der Freiheit andrer, außer der musikalischen Gesellschaft, Abbruch tut; [...]" Anmerkung: Aus diesem Grund ist auch die Entwicklung ausdrucksstarker und akustischen Instrumenten klanglich und spieltechnisch ebenbürtiger elektronischer Musikinstrumente so wesentlich, da sie das Üben bei Zimmerlautstärke gestatten und so zu einer weiteren Verbreitung des Musizierens in einer immer dichter besiedelten Umgebung beitragen können.)
  • um Geräte und das Gehör vor Pegelspitzen zu schützen (Eine wichtige Anwendung von Limiting findet sich zum Beispiel bei der therapeutischen Beschallung von Schwerstkranken. Hier kann ein Limiter eingesetzt werden, um das Gehör zu schützen, aber auch abrupte Pegeländerungen abzufangen, die Schreckreaktionen auslösen könnten.)
  • um Schallinformation vor lauten Hintergrundgeräuschen hörbar zu machen (Autoradio, Flugzeugbeschallung,...)
  • um bestimmte klangliche Effekte und Ergebnisse zu erzielen (künstlerische Anwendung)

Diese Liste könnte noch fortgesetzt werden, doch mag diese Auswahl an dieser Stelle genügen.

Festzuhalten ist, dass AUDIO-KOMPRESSION und LIMITING wichtige Funktionen erfüllen und lediglich deren übertriebener Einsatz im Rahmen des loudness war ein Problem darstellt.

Die Strategie des loudness war basiert dabei auf biologischen Prinzipien, indem Lautheit als Signal der Kraft, Gesundheit und Vitalität sowie der sexuellen Potenz (aber auch des Kampfes und der Aggression) im Verhaltensmuster von Säugetieren fest verankert ist. Die biologische Gefahr "Sucht nach Lärm" wurde bereits von Konrad Lorenz in seinem Werk: "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" (1973) klar benannt.

Über die - stark vereinfachte - Gleichung LAUT = SEXY kann der Eindruck entstehen, dass in der Lautheit intensive Musik "besser" sei als leise - ungeachtet der tatsächlichen musikalischen Qualität, wobei der Begriff "musikalische Qualität" hier kompositorische und interpretatorische Qualität subsumiert.

Dieses Phänomen wurde u.a. in den 1950er Jahren bei Marktforschungsstudien entdeckt und führte seitdem zu einer bestätigen Zunahme der Lautheit (bei gleichzeitiger Verringerung der beinhalteten Dynamik) von Musik und Tonträgern zum Ziele eines höheren kommerziellen Absatzes.

Der Dynamikumfang von Musik wurde im Zuge dieses Prozesses unter Zuhilfenahme von AUDIO-KOMPRESSION und LIMITING stetig eingeengt und bewegt sich gegenwärtig tontechnischen Quellen zufolge (siehe Literatur) bei einem Restwert von nur mehr 3-6 dB.

Gefahren durch den loudness war

  • Verlust der musikalischen Qualität
  • Verlust der bewussten dynamikspezifischen musikalischen Hörfähigkeit (da keine Dynamikreize mehr geboten werden, kann Dynamik als Qualitätsmerkmal von Musik und musikalischer Interpretation nicht mehr erfahren, gelehrt, vermittelt und verstanden werden. Dynamik wird "abtrainiert".)
  • Umkehrung des universitären Ausbildungsziels hinsichtlich musikalischer Dynamik (Dynamik wird von Laien nicht als gesteigertes Qualitätsmerkmal sondern als "Fehler" interpretiert)
  • Steigerung der Aggression (da Lautheit im biologischen Sinne auch für Kampf und Aggression steht)
  • Verarmung sprachlicher Kommunikation durch "Negativtraining". Musik und Sprache sind neurobiologisch eng miteinander verknüpft. Wie gezeigt werden konnte führt musikalisches Training auch zu sprachlichen Vorteilen, insbesondere im Bereich der emotionalen Kommunikation: "Musicians exhibit enhanced perception of emotion in speech.", Strait DL, Kraus N, Skoe E, Ashley R.: Musical experience and neural efficiency: effects of training on subcortical processing of vocal expressions of emotion, Eur J Neurosci. 2009 Feb;29(3):661-8. Eine leicht Verständliche Darstellung der Zusammenhänge gibt die folgende Webseite: http://www.soc.northwestern.edu/brainvolts . Indem im Zuge des loudness war übersteigerte Lautheit ohne jegliche dynamische und lautstärkespezifisch modulierte klangfarbliche Veränderung "trainiert" wird (ein Zustand der permanentem Brüllen ohne Luftzuholen entspricht) und damit zugleich bewusste dynamische Wahrnehmungsfähigkeit verlustig geht, liegt auf Basis der bekannten neurophysiologischen Wirkmuster die Hypothese auf der Hand, dass dies auch fatale Langzeitfolgen für die sprachliche Kommunikation haben könnte. Flüstern, flehen, wispern und der gesamte dynamikbasierte Ausdrucksschatz der Sprache könnten so verloren gehen - bzw. in ihrem Ausdrucksgehalt nicht mehr richtig und adäquat verstanden werden - um im schlimmsten Fall einer Unkultur des Brüllens (verbunden mit einer weiteren Steigerung der Aggressivität) Platz zu machen.
  • Hinreichend bekannte Folgen von hoher Lautheit/Lautstärke bzw. Lärm an sich