Sehr verehrte Damen und Herren !

Die Akademie für Musik und die Wiener Philharmoniker haben Sie zu dieser heutigen Feier geladen, um in Dankbarkeit und Ehrfurcht Bruno Walters zu gedenken. Der Anlaß hiezu ist Walters 90. Geburtstag, der allerdings schon ein wenig zurückliegt. Daß der heutige Tag für die Feier gewählt wurde, hat seinen Grund darin, daß die Veranstalter gerade während der Wiener Festwochen die Aufmerksamkeit der Nachwelt auf ihn lenken wollten. Dazu kommt, daß meine ehemaligen Kollegen das Philharmonische Konzert, das heute und Montag stattfindet, im Gedenken an Bruno Walter spielen, und der Dirigent dieser Konzerte, Leonard Bernstein, mit der Aufführung einer Sinfonie Gustav Mahlrers sich jenes Ziel setzt, das im Leben Walters als dessen Dominante angesehen werden kann. Ich bin nun weder Musikwissenschaftler noch Historiker, und ich bitte Sie, von mir nicht zu erwarten, daß ich mich Ihnen als Fachmann auf einem Gebiet präsentiere, auf dem ich es nicht bin. Wenn ich aber den ehrenvollen Auftrag übernahm, über Bruno Walter als Dirigenten der Wiener Philharmoniker zu sprechen, konnte ich das aus dem Grunde tun, als mich eine lebhafte Erinnerung an ihn, sein Wirken in unserem Orchester und an seine Zeit noch heute verbindet. Zu Hilfe gekommen ist mir natürlich das, was er über sich selber geschrieben hat und auch das, was an statistischen Daten im Archiv der Wiener Philharmoniker zu finden ist. Rein äußerlich erstreckt sich die Beziehung Walters zu unserem Orchester über einen Zeitraum von nahezu 6o Jahren. Der 1876 Geborene wurde 1901, also 25 Jahre alt, von Gustav Mahler an die Wiener Oper engagiert. Als Kapellmeister der Oper ist er damals rein dienstlich in Berührung mit dem Hofopernorchester, also mit uns gekommen. im sechsten Jahr seiner Wiener Tätigkeit, am 27. Jänner 1907, also an Mozarts Geburtstag, dirigierte er sein erstes "Philharmonisches", das Nicolaikonzert, mit einem Schumann- Richard Strauß-Programm. Ich finde diese Daten in unseren Annalen; ich erinnere mich aber noch gut, daß unser Vorstand Alexander Wunderer bei der Begrüßung Walters in den Zwanzigerjahren oft an jene Zeit erinnerte, auch an Walters Bart, den sich der zu junge Opernchef für sein Preßburger Engagement hatte wachsen lassen. In die Zeit bis 1915 fallen insgesamt nur sechs Konzerte, als deren bedeutendstes wohl die Aufführung von Mahlers 9. Sinfonie im Juni 1912 zu bezeichnen ist.
Von München aus, wo Walter von 1913 bis 1922 Opernchef war, kam er nur zweimal zu uns, und von 1915 bis zu 1924 klafft eine neunjährige Lücke in unseren Beziehungen eine Lücke, die sich ebenso neunjährig von 1938 bis 1947 wiederholen sollte. Von 1924 an jedoch ist Walter ständig mit uns verbunden. Reisen nach Deutschland und das sich immer schöner entwickelnde Salzburger Festspiel sind das gemeinsame Arbeitsgebiet. Dazwischen fällt wohl noch das eine oder andere Wiener Konzert, bis sich ab 1933, jenem Jahr, in dem er Deutschland verläßt, die Tätigkeit in Salzburg und in Wien immer intensiver entwickelt. In diesen Jahren veranstalteten die Philharmoniker außer ihren Abonnementkonzerten, welche der "ständige Dirigent" leitete, sogenannte "außerordentliche Konzerte". Mit Walter spielten wir zunächst nur solche "außerordentliche", und erst, als das Orchester zum Gastdirigenensystem übergegangen war, ist er im Jahre 1934, und von dieser Zeit an kontinuierlich als Dirigent im Zyklus zu finden. Reisen nach der Schweiz, nach Paris und London finden statt, Antwerpen, Brüssel werden besucht, es kommt zu einer England-Tournee, wir sind bei der Pariser Weltausstellung, spielen in Wien Schallplattenaufnahmen und schließlich übernimmt Walter zusammen mit Dr.Erwin Merker die Leitung des Hauses am Opernring. Damit ist die Zeit engster künstlerischer Verbundenheit gekommen, in der Walter auch für personelle Fragen, für Neuengagements im Orchester mitverantwortlich ist. Sie währt nur bis zum Feber 1938. Das letzte philharmonische Konzert, dem sich eine Wiederholung in Budapest anschließt, spielen wir am 21. Feber (1938) des genannten Jahres, und dann finden unsere Beziehungen ein jähes Ende. Volle neun Jahre sind wir getrennt, der schauerliche 2. Weltkrieg verheert Europa. Schon zwei Jahre nach Kriegsende, 1947 jedoch gibt es ein Wiedersehen und gottlob auch ein "Sich-wiederfinden" beim Festspiel in Edinburgh. Walter kehrt nach Wien zurück, wird hier triumphal empfangen, erst mit uns in Salzburg, wir treffen uns zum 2. Mal in Edinburgh. Das Mahlerfest des Jahres 1960 bringt den endgültigen Abschied. Das letzte Konzert, eines der schönsten in der langen Geschichte der Philharmoniker, findet am 29. Mai 1960 statt, und dann verläßt er uns für immer. Das war in Kürze die Schilderung des Wegs. den Bruno Walter mit uns gegangen ist. Insgesamt ist er 223 Mal bei Konzerten und Festspielaufführungen vor dem Orchester gestanden. Die Anzahl der dirigierten Opernvorstellungen in den Jahren von 1901 bis 1912 und der Jahre unmittelbar vor 1938 übersteigt natürlich die gegebene Zahl beträchtlich, und so ist es wohl begreiflich, daß Walters Einfluß auf uns der Quantität nach beträchtlich, in seiner künstlerischen Auswirkung aber außerordentlich wertvoll war.
Wenn ich mich nun der Person Walters als Menschen Künstler und Dirigent zuwende, bin ich, Im Wesentlichen auf mein eigenes Urteil und auf meine Erinnerung angewiesen. Ich empfinde es geradezu glückhaft, daß das, was ich über ihn zu sagen hätte, durch seine in seinen Schriften niedergelegten Ansichten weitaus bestätigt wird. Man kann der künstlerischen Leistung eines Dirigenten nicht gerecht werden, ohne auf das Problem der Interpretation einzugehen. Daß die Lebendigmachung der Aufzeichnung eines musikalischen oder auch dramatischen Kunstwerkes ein schöpferischer, ein nachschaffender Prozeß ist, ist jedem ausübenden Künstler Gewißheit. Daß sich dieser schöpferische Vorgang mit der sogenannten "Werktreue" vereinbaren läßt, ist durch die Praxis vielfach bewiesen, freilich ist die kritische Frage jene, wie weit die Eigenpersönlichkeit des Nachschaffenden sich im Bereich des tatsächlichen Schöpfers bewegen kann und darf. Die Grenzen der Bewegungsfreiheit sind das Wesentliche und Bruno Walter hatte jene Eigenschaft , die ihm diese Grenzen nie überschreiten ließ:- die Unterordnung unter den Schöpfer und die Demut vor dem Werk. Daß es bei dieser Einstellung jahrzehntelang einen nach ihm benannten Zyklus, die "Bruno Walter" Konzerte in Berlin gab, welche die dortige Konzertagentur Wolff veranstaltete, zeigt nur, daß dem Interpreten neben dem Komponisten die eigene schöpferische Leistung zuerkannt werden konnte. Walters großer Freund Hans Pfitzner hat den Begriff der Werktreue wohl zu enge und engherzig definiert, Walter war für mich das Beispiel der Vereinbarkeit von Unterordnung und Persönlichkeit. In seiner Biographie "Thema und Variationen" sagt er ja wörtlich, daß jedes Musizieren nach dem "Ich" schmeckt und auch schmecken soll. Daß der Zentralpunkt seiner künstlerischen Arbeit, seiner sich selbst gestellten Lebensaufgabe, das Werk Gustav Mahlers war, ist bekannt. Es spricht aber für Walter, daß dieser es nicht ausschließlich war. ich selbst habe erlebt, wie er in seine Programme nach und nach Bruckner einschaltete, er war damals schon über 50 Jahre alt, und einer meiner freundlichsten Eindrücke war, als ich erstmals im Leben nach Los Angeles kam, eine Konzertankündigung Walters mit Bruckners 9. Sinfonie auf einem Riesenplakat zu sehen. Aber wieder waren es nicht nur Bruckner und Mahler, denen er sich zuwendete, sondern er suchte jenen Werken die allgemeine Anschauung zu erobern, die ihm dieser würdig erschienen. Die Aufführung des "Corregidor" von Hugo Wolf ist ein eklatantes Beispiel dafür. Schon in München hatte er ihn herausgebracht, wiederholte das Experiment in Salzburg beim Festspiel. Wir alle waren begeistert, nur Toscanini, der zur gleichen Zeit in Salzburg weilte, und in seinem Urteil streng, aber oft recht ungerecht war, sagte "No". Im gleichen Salzburg erlebten wir einen Oberon und eine Euryanthe von Weber. Besonders Euryanthe, mit einem geradezu unmöglichen Textbuch, hatte sich kaum je als Erfolg erwiesen. Unter Walters Führung kam eine wunderschöne und erfolgreiche Aufführung zustande. Als er 1960 nach Wien kam und ich ihn als damaliger Vorstand offiziell vor der ersten Probe begrüßen durfte, sagte ich ihm, wie sehr wir, und ich als Vertreter der älteren Generation, davon beeindruckt waren, daß er nie dem Erfolg, sondern einer Sache, einer Idee nachlief- und ich erwähnte Hugo Wolf und Weber. Unvergeßlich ist mir, wie er durch leichtes Nicken während meiner Begrüßungsansprache mir zustimmte und ihn meine Bemerkung erfreute. Der Bereich seiner nachschaffenden Tätigkeit war enorm weit. Vom Orpheus, den wir in einer großartigen Interpretation 1930 in Salzburg erlebten,über die Opern Mozarts, Verdis Wagners Tochaikowskys, Rich. Strauß reichte er zum Werk Pfitzners, dessen Palestrina er nicht-nur zur Uraufführung brachte, sondern in Wien gegenüber großen Widerständen in kritischer Zeit durchsetzte. In der Oper selbst faßte er die Stellung des Dirigenten wohl durch den Einfluß Gustav Mahlers so auf, daß er, ohne selbst Regie zu führen, doch die geitsige Patronanz auch über das Bühnengeschehen ausübte. Seine Regisseure, ob sie nun Karlheinz Martin, Herbert Graf oder wie beim Orpheus Margarete Wallmann hießen, arbeiteten,wie mir schien Ideal mit zusammen. Er gab wohl vom Pult aus nicht direkte Regieanweisungen, aber er führte Sänger und Chor nicht nur musikalisch, sondern auch in der Bewegung konform mit der Musik Unvergeßlich ist mir so, wie er etwa im Don Pasquale die große Chorszene leitete, und damit am Abend Sonderapplaus für sich und den Chor erntete. Daß seine Beziehung zu Wien nicht nur äußerlich war, zeigte sich auch darin, daß er, der geborene Berliner, die "Fledermaus", wohl das wienerischeste aller heiteren Werke, so dirigierte, als ob er die Spree nie gesehen hätte. Auch hier erinnere ich mich an sein Studium mit dem Chor im zweiten Akt, wo die textlose Du-i-du Szene zum Höhepunkt wurde. In der Konzertliteratur war sein Repertoire umfassend und hatte doch eine Grenze: In seinem Buche bemerkt er, daß er sowohl Arnold Schönberg als auch Alban Berg auf gewissen Pfaden nicht folgen könne. Mir selber sagte er, daß er zum Werk eines modernen und bedeutenden Komponisten keine Beziehung habe und es daher nicht dirigiere. Ich denke, er hatte von den Grenzen der Musik, zumindest aber von seinen eigenen Grenzen, eine bestimmte Vorstellung, und er handelte danach. Er hatte den Mut, danach zu handeln und seine Meinung, wenn er gefragt wurde, zu sagen. Ich glaube auch, daß dies aufrichtiger und ehrlicher ist, als die Handlungsweise so mancher seiner Kollegen welche mit einer gewissen Arroganz Strömungen nachlaufen, zu denen sie innerlich sicher nicht stehen. Wenn ich ihn nun als Dirigenten beschreiben soll, nämlich als den Vorbereiter und Leiter eines Konzertes oder einer Oper, so muß ich wieder ein wenig auf allgemeines eingehen. Die Aufgabe des Dirigenten ist ja, dem lebendigen Instrument, das das Orchester mit seinen Musikern und Musikerindividualitäten ist, seine Vorstellung von der Gestaltung des Werkes zu übertragen. Die Fähigkeit, seinen Willen ohne besonderen Zwang durchzusetzen, ist Talentsache, und es gehören, um mich nach Walters eigenen Worten zu richten, zwei Dinge dazu.- Autorität und erzieherische Fähigkeit. Beides hatte er. Walters Autorität war eigentlich durch seine Persönlichkeit, durch das, was von ihm ohne jede Anstrengung ausging von selbst gegeben. Er hielt, um dieses etwas dubiose Wort auszusprechen, er hielt "Disziplin" künstlerischer und sonstiger Art durch Gewaltlosigkeit aufrecht. Dem ernsten, nur der Sache hingegebenen Mann, konnte weder in Probe noch in Aufführung jemand Widerstand leisten. Freilich gibt es manchmal kleine Entgleisungen, und wenn unser sehr humorvoller Solocellist Buxbaum einmal zu heiter wurde, sagte Walter: "Das kann ich nicht haben" - und vorbei war es. Die Proben unter ihm waren, um es offen zu sagen, anstrengend. Es gibt Dirigenten, die, wenn eine Sache nach Ihrer Meinung in Ordnung ist, darüber hinwegsehen: Walter wiederholte um, wie er sagte, sicher zu gehen. So kam es, daß wir einmal am ersten Satz der Mozartschen g-Moll Sinfonie fast eine Stunde probierten. Erst dann war er mit der Interpretation des Hauptthemas, vor allem mit der Sext d-b halbwegs zufrieden. Beim Studium des ersten Satzes der Beethovenschen A-Dur Sinfonie erfolgte, allerdings mit Recht, immer eine genaue Erklärung und der Hinweis, den 6/8 Rhythmus nicht durch Beiläufigkeit in einen 4/8 Rhythmus absinken zu lassen. Ich war daher gar nicht erstaunt, als ich die Philips-Platte von einer Walter Probe der gleichen Sinfonie erstmalig abspielte und all das von früher an ihm Gewohnte, jetzt in englischer Sprache wieder hörte. Oftmals spielte er in unseren Konzerten Mozarts d-Moll Klavierkonzert; und da dann der Flügel im Orchester stand, fügte er dem erklärenden Wort auch bei den anderen Werken, die er probierte, die erbetene Ausführung durch Vorspielen am Klavier hinzu. Sehr bedacht war er auf klangliche Schönheit, auf gewissenhafte Ausführung der Dynamik. So begann oft und oft die Probe, besonders in der Oper, damit, daß er vor dem ersten Ton schon sagte: Zu stark! Vor Beginn der Figaro-Ouverture aber hörten wir jedesmal: Zu langsam - worauf ein etwas lustiger Kollege antwortete: Ich bin ja schon fertig!
Eines aber hatte er mit allen großen Dirigenten gemeinsam: Er war kein künstlerischer Despot, er ließ dem ausführenden Solobläser oder Streicher nach einer sachgemäßen Anweisung genug Raum zur Entfaltung der Eigenpersönlichkeit. So war es hochinteressant, etwa in der Elysium-Szene des Orpheus, zu fühlen, wie er unseren hervorragenden 1. Flötisten Niedermaier führte, der dann dieses wahrhaft himmlische Stück ohne Sentimentalität in höchster Schönheit gestaltete. Wahrhaft gemeinsames Musizieren aber kann nur dort zustandekommen, wenn In irgend einer Form auch der Kontakt zum Menschen, der da ein solches Konzert leitet, vorhanden ist oder zumindest es nichts gibt, was diesen Kontakt stören könnte. Der Kontakt mit Walter war vorhanden, wohl aber eingeschränkt durch das, was ich "Distanz" nennen möchte. Jene Distanz, die sich aus Respekt herleitet und durch das Bewußtsein, mit einer außergewöhnlichen Persönlichkeit zu wirken. Der Mensch Bruno Walter zeigte sich uns von seiner besten Seite in mancher kritischen Situation. Als vor 1938 einmal eine Tristan Aufführung durch Werfen einer Tränengasbombe gestört wurde, war er am nächsten Tag bei der Probe keineswegs hart in seinen Worten: Das Unheil unserer Tage kommt einzig von der Arbeitslosigkeit sagte er. Als wir nach 9 Jahren Pause in Edinburgh spielten, war er ohne jedes Ressentiment, und als wir wirklich ehrlichen Erfolg hatten, vor einem Publikum, das uns trotz des eben erst beendeten Krieges feierte, sagte er, daß wir hier "Weltgeschichte" gemacht hätten. Er meinte, daß wir durch unsere Musik zur Verständigung von Mensch zu Mensch beigetragen hätten, in einer Zeit, wo dies nicht so leicht zu bewerkstelligen war. Die Beziehung zu den Philharmonikern war in all der langen Zeit immer ausnehmend gut. Ich erinnere mich nicht, daß es jemals einen sogenannten Krach oder Ähnliches gegeben hätte. Walter hatte unseren Ehrenring, war unser Ehrenmitglied, und das schönste Zeichen seiner Zugehörigkeit zu uns und auch zu Wien war, daß die Wiener Philharmoniker und ich als deren Vertreter für ihn den ihm verliehenen Rennerpreis übernehmen durften. Daß wir neben den New Yorker Kollegen auch in seinem Testament bedacht sind ist ein weiterer Beweis für diese Tatsache. Der Raum, in dem wir uns befinden, ist nun der Erinnerung Walters gewidmet, er enthält aber etwas, was geeignet ist, der hier im Hause studierenden Jugend wertvolle Hinweise auf Interpretation zu geben. Ich meine die der Akademie überlassenen Partituren mit ihren Einzeichnungen und Bemerkungen von seiner Hand. Diese Einzeichnungen geben Richtlinien, das zu finden, was im gewöhnlichen Notenbild nicht zu finden ist.
Der Geist, der hohe sittliche Ernst, der die Berufsausübung Walters beherrschte, möge aber auch alle jene erfassen, die in diesen Räumen studieren. Ich habe in kurzen Worten versucht, Ihnen ein Bild Bruno Walters zu geben, das freilich nur lückenhaft, kleine Einblicke in seine Tätigkeit im Zusammenhang mit den Wiener Philharmonikern gewährt. Es bedeutete für mich außerordentlich viel, als Vorstand mit ihm in direkten Kontakt zu kommen und dabei das Bild, das sich von früher her in mir gebildet hatte irgendwie verifiziert zu sehen. Der schönste Abschluß des gemeinsamen Weges war dann wohl jenes letzte Konzert im Mai 1960. Schuberts h-moll Sinfonie und Gustav Mahlers vierte versetzte die ältere Generation unter uns plötzlich in eine längst entschwundene Zeit - wir fühlten, daß die Erinnerung nicht etwa bloß glorifizierte, sondern daß wir unter der Macht einer Persönlichkeit standen, damals ebenso wie heute.
In Walters Heim, in Beverly Hills, bin ich zweimal gewesen, das letzte Mal drei Monate vor seinem Tod. Ich bat Ihn, noch einmal zu uns nach Wien und Salzburg zu kommen. Er aber meinte, daß man in seinem Alter wohl nur mit dem lieben Gott Verträge schließen könne - und er hat recht behalten. Bei der Beisetzung seiner Asche auf dem Friedhof von Montagnola oberhalb Luganos war ich zugegen. Wir aber wollen nicht trauern. Walter hat der gesamten musikalischen Welt und uns unendlich viel gegeben, und so will ich hoffen, daß sein Bild in allen, die ihn kannten, weiterlebt; daß aber auch die hier Studierenden an seinem Vorbild lernen und das zu werden trachten, was Walter war: Ein großer Musiker und ein bedeutender, guter Mensch.