Gender und Diversity

 

 

Was ist Gender?

Der Begriff „Gender“ verweist darauf, dass Geschlechtsidentität, geschlechtliche Rollenbilder und Erwartungen sozial und kulturell konstruiert sind und werden. Häufig ist in diesem Zusammenhang von einer Unterscheidung von „Sex“ als dem biologischen Geschlecht und „Gender“ als dem sozialen Geschlecht die Rede, wobei dekonstruktivistische Forschungsansätze aufgezeigt haben, dass auch das vermeintlich „biologische“ und „natürliche“ Geschlecht sozial hergestellt wird (vgl. Butler 1990; Voß 2010).

Die Vorstellung, dass es ausschließlich zwei, klar voneinander abgrenzbare Geschlechter gibt und dass innerhalb dieser binären Anordnung von Geschlecht der Geschlechtskörper automatisch mit der Geschlechtsidentität übereinstimmt, wird als „Heteronormativität“ bezeichnet.

Geschlecht existiert nicht getrennt von anderen Identitätskategorien und Machtverhältnissen (Intersektionalität) und ist kulturell und historisch spezifisch; das bedeutet, dass Gender so wie wir es kennen, nicht zwangsläufig zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort gleich organisiert ist und/oder existiert.

 

Intersektionalität

Intersektionalität beschreibt das Zusammenwirkung und die gegenseitige Bedingungen unterschiedlicher Differenzkategorien wie Geschlecht, „Rasse“, Klasse, Sexualität und Behinderung.

Intersektionalität hat ihren Ursprung in den politischen, aktivistischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und Kritiken Schwarzer Feminist_innen. So hat die ehemalige Sklavin Sojourner Truth bereits 1851 mit ihrer Frage „Ain’t I a woman?“ Kritik an den Ausschlüssen der weißen Frauenbewegung geübt und für eine Verwobenheit der Kämpfe gegen Rassismus, Sexismus und andere Dimensionen von Dominanz und Unterdrückung plädiert.

Der Begriff „Intersektionalität“ wurde Ende der 1980er Jahre von Kimberlé Crenshaw geprägt. Mit der Metapher der Straßenkreuzung (intersection) macht Crenshaw darauf aufmerksam, dass das US-amerikanische Antidiskriminierungsrecht auf einem eindimensionalen Verständnis von Differenz beruht, dass Ausschlüsse produziert, da es die spezifischen Diskriminierungserfahrungen Schwarzer Frauen nicht erfassen kann. Crenshaw beschreibt dieses Paradox mit dem Bild der Straßenkreuzung, an der unterschiedliche Machtdimensionen aufeinander treffen und sich das Risiko eines „Unfalls“ – also einer Diskriminierung – erhöht. Die spezifische Situation, die sich aus dieser Gleichzeitigkeit ergibt, kann durch das Recht jedoch nicht erfasst werden, da der rechtliche Diskriminierungsschutz von isoliert existierenden Machtdimensionen ausgeht. In den von Crenshaw diskutierten Beispielen werden so die Diskriminierungserfahrungen Schwarzer Frauen unsichtbar gemacht und der Diskriminierungsschutz greift nicht, da das Zusammenwirken von Sexismus und Rassismus nicht anerkannt wird (vgl. Crenshaw 1989).

 

Frauenforschung und Gender Studies

Gender Studies als eigenständiger Forschungsbereich haben sich aus der feministischen Frauenforschung der 1970er Jahre entwickelt und sind oft inter- oder transdisziplinär ausgerichtet. Gender Studies verstehen Geschlecht als zentrale Struktur- und Erkenntniskategorie gesellschaftlicher Verhältnisse und beschäftigen sich mit Erforschung der Konstruktion und Wirkmächtigkeit von Geschlecht im Zusammenspiel mit anderen Differenzen.

Die mdw bekennt sich in ihrer Satzung zur Förderung des Auf- und Ausbaus von Frauenforschung und Gender Studies (Frauenförderplan 2011 §11).

Eine Übersicht über Lehrveranstaltung aus diesem Bereich feministischer Theorien, Gender und Queer Studies an den verschiedenen Universitäten in Wien finden sich in der aktuellen Frauen*forscherin (WiSe 2017/2018). Eine Übersicht von Gender- und gendersensiblen Lehrveranstaltungen an der mdw findet sich hier.

 

Anti-Genderismus

Anti-Genderismus bezeichnet eine „eine ‚Anti‘-Haltung, eine Abwehr gegen Gender beziehungsweise das, was diesem Begriff unterstellt wird“ (Hark / Villa 2015: 7). Anti-Genderismus ist ein teils gewaltvoll geführter Kampf gegen Gender und die Menschen und Institutionen, die mit diesem Begriff arbeiten, denen im Zuge dessen gerne ein „Genderwahn“ zugeschrieben wird. Anti-Genderismus zeigt sich in der fortlaufenden Diskreditierungen der Gender Studies als „Ideologie“ oder „Pseudowissenschaft“, aber auch in Diffamierungen, Hassbotschaften und Gewaltandrohungen gegen einzelne Wissenschaftler_innen. Anti-Genderismus ist dabei häufig eng verknüpft mit rechtspopulistischen Diskursen und Rhetoriken.

 

Literaturhinweise

Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity. New York: Routledge. (dt.: Das Unbehagen der Geschlechter, 1991)

Crenshaw, Kimberlé (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. In: University of Chicago Legal Forum, Jg. 1989, Nr. 1, 139-167.

Davis, Angela (1983) Women, Race &Class. New York: Vintage.

Hark, Sabine / Villa, Paula-Irene (Hg., 2015): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld: transcript.

hooks, bell (1981): Ain't I a Woman. Black Women and Feminism. London: Pluto.

Portal Intersektionalität. Forschungsplattform und Praxisforum für Intersektionalität und Interdependenzen: http://portal-intersektionalitaet.de/startseite/

Voß, Heinz-Jürgen (2010): Making Sex Revisited. Dekonstruktion des Geschlechts aus biologisch-medizinischer Perspektive. Bielefeld: transcript.